"Wortgeburten"
Kolloquium zu Ehren des 80. Geburtstages von Prof. Dr. Karl Maurer,
veranstaltet von der DGAVL, dem Germanistischen Institut (Komparatistik)
und dem Romanischen Seminar der Ruhr-Universität Bochum
30. und 31. Mai 2006, Ruhr-Universität Bochum
In Lewis Carrolls Roman Alice in
Wonderland tritt eine Mock Turtle auf, die – wie andere Carrollsche
Geschöpfe auch – ihre Existenz einem Namen verdankt: dem Namen der Mock
Turtle Soup. Wenn die Existenz von Schildkrötensuppe die von
Schildkröten voraussetzt, dann ist – so der spielerische Fehlschluß, der
dieses Wesen hervorbringt – aus der Existenz von Mock Turtle Soup auf
die einer Mock Turtle zu schließen. Wortgeburten hat es seit der Antike
gegeben; immer wieder sind solche Geschöpfe aus der Substanzialisierung
sprachlicher Ausdrücke und ähnlichen Operationen hervorgegangen –
darunter der »Outis«, den der von Odysseus getäuschte Polyphem für den
Urheber seiner Niederlage hält. Die Erfindung von Wesen aus Sprache
verweist auf zwei zentrale, miteinander verknüpfte Themen poetologischer
Reflexion, die nicht erst die literarische Moderne maßgeblich geprägt
haben: zum einen auf den Akt der Erzeugung fiktionaler Wirklichkeiten,
zum anderen auf die Idee einer schöpferischen, weltkonstitutiven
Sprache. In der Erfindung und Mobilisierung von ›Wortgeburten‹
konvergieren also das fiktionstheoretische und das sprachtheoretische
Interesse der Literatur. Als Losungswort genommen, soll der Begriff
›Wortgeburten‹ die Spur zu Texten weisen, in denen es explizit um die
schöpferischen Potenziale der Sprache, der Wörter, der Redensarten und
Ausdrucksweisen geht – aber auch zu solchen, in denen diese Potenziale
unausdrücklich vorausgesetzt sind und in denen sie evident werden.
Tagungsprogramm
Di, 30. 5. 2006
10.00
Begrüßung/Laudatio: Achim Hölter
10.30 Monika
Schmitz-Emans (Bochum): Kompendien des Imaginären
11.15 Achim
Hölter (Münster): Vollständige Beschreibung
12.00 Pause
12.15 Johanna
Kahr (Bochum): Die Geburt der Geliebten aus dem Wort. Dantes „donna
pietra“, Petrarcas Laura, Maurice Scèves Délie
13.00-15.00
Mittagspause
15.00
Karlheinz Stierle (Saarbrücken): Dantes Reimkunst
15.45 Franz
Lebsanft (Bochum): Lautgeburten. Onomatopoiie im französischsprachigen
Comic
16.30 Pause
16.45 Marianne Kesting (Köln): „Le démon de l’analogie“.
Mallarmé und Breton
17.30 Michael
Bernsen (Bochum/Bonn): Postmoderne Wortgeburten. Eugenio Montales späte
Dichtung
Mi,
31. 5. 2006
(Diskussionsleitung: Roland Galle)
9.00 Peter
Brockmeier (Berlin): Wortgeburten umsonst. Samuel Becketts Versuche,
kunstvoll zu schweigen
9.45 Marion
Eggert (Bochum): Reisen als Sprachgeschehen in der chinesischen und
koreanischen Literatur (17.-18. Jahrhundert)
10.30 Pause
10.45 Patrica
Oster-Stierle (Saarbrücken) Qfwfg oder die Unaussprechlichkeit des
Anfangs. Italo Calvinos „Cosmicomiche“
11.30 Alfons
Knauth (Bochum/Freiburg): Zungengeburt. Zur interlingualen Rhetorik
12.15 Pause
12.30 Gerald
Bernhard (Bochum): Metaphern und Metonymien bei romanischen
Pflanzennamen
13.15-15.00
Mittagspause
(Diskussionsleitung: Lieselotte Steinbrügge/Monika Schmitz-Emans)
15.00 Florin
Manolescu (Bochum): Ein imagologisches Gedankenspiel: Nobel gegen Nobel
15.45 Ulrich
Broich (München): Die Verantwortung des Schriftstellers für seine
Wortgeburten: Martin McDonaghs „The Pillowman“ (2003)
16.30 Pause
16.45 Wolf
Schmid (Hamburg): Alexander Puschkin als Wortkünstler. Die Entfaltung
von Wortmotiven und Redeklischees zu Geschichten in „Belkins
Erzählungen“
17.30 Udo
Figge (Bochum): Sprachliche Textmerkmale und Textverstehen am Beispiel
narrativer Texte
18.15 Rudolf
Behrens (Bochum): „Alors on a ri“. Die Geburt des erlösenden Wortes aus
dem teleologischen Geist der Erwartung in Ionescos „Les chaises“