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"Visual Culture"
Tagung der DGAVL in Potsdam vom 18. Mai - 21. Mai 2005, Neues Palais
(Foyer)
Exposés
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BEATE
ALLERT (Purdue/West Lafayette IN/USA) |
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Thema
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Horaz-Lessing-Mitchell: Ansätze zu Bild-Text
Relationen. und kritische Aspekte zur weiteren Ekphrasis-Debatte
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Exposé |
War mit der
in der Rezeption gewöhnlich verkürzten Formel "ut pictura poesis"
nicht nur ein Vergleich, sondern geradezu eine Symmetrie
zwischen Bildern und poetischen Texten scheinbar etabliert, so
hat Gotthold Ephraim Lessings Laokoon stattdessen auf eine
Grenze oder Differenz zwischen Bildern und Texten aufmerksam
gemacht, indem er auf das Medium (Malerei, Dichtung, etc) als
untrennbaren Teil einer jeden Aussage reflektierte und die
Sprache der Poesie (Dichtung) in einen Zwischenbereich
ansiedelte zwischen Malerei im Raum und Musik in der Zeit. Es
war allerdings genau dieses Werk von Lessing, das solch einem
hervorragenden Forschern zum Thema Visualität und Visual Culture
wie W.J.T. Mitchell dazu Anlass gab, von einer Kolonialisierung
von Bildern durch Worte zu schreiben, dem deutschen Lessing
Iconophobia zuzuschreiben, und ihn in Abgrenzung zu eigenen
Ideen zu einer aktuellen Visual Culture als einen fürs westliche
Denken typischen Autor der Vergangenheit so zu stilisieren, als
ob er dafür verantwortlich sei, dass die sich in Bildern damals
schon bemerkbar machende "andere Logik" der Bilder von Lessing
geradezu reaktionär verdrängt worden sei. Mitchell scheint
Lessing eindeutig dem dominanten logozentrischen
Aufklärungsdiskurs zuordnen, obzwar Lessing allerdings meines
Erachtens bereits im achtzehnten Jahrhundert diesen Diskurs in
Frage stellte. Ist Lessing nicht auch ein Meister von Metaphern
und Metonymien und hat nicht Hans Blumenberg ganz richtig
behauptet, dass dies der Nährboden der Sprache sei, wo die
unausgeschöpften Gedanken in den sprachlichen Bildern
schlummern? Mein Beitrag ist bemüht, diesen Fragen nachzugehen
und zu klären, inwiefern bereits auch schon in der deutschen
Literatur des achtzehnten Jahrhundert Aspekte der Aufklärung
derart in Frage gestellt wurden, sodass solche Vorwürfe Lessing
gegenüber nicht länger als Folie geeignet sind, auf der sich der
neueste Diskurs zu Visualität und Visual Culture fundieren und
weiterhin entwickeln lässt. Das, was Mitchell in Abgrenzung zu
der aktuellen Visual Culture unseres Jahrhunderts nach dem "pictorial
turn" schreibt, mag alles weitgehend zutreffen, doch die
Parameter oder Kontexte, aus denen er sein kulturhistorisches
Material schöpft, sind im Blick auf die deutsche Literatur
jedenfalls zu hinterfragen. Heißt es zwar im Kommentar zu dieser
Konferenz lobend, Mitchell betone "all media are mixed media,
all representations are heterogeneous" so könnte dasselbe
vielleicht sogar schon für Lessings Laokoon und insbesondere für
sein Spätwerk behauptet werden. Weitergehende Differenzierungen
sind daher dringend notwendig geworden. Dieser Beitrag bemüht
sich um eine angemessene Auseinandersetzung mit Horaz, Lessing,
und Mitchell und um ein Verständnis neuer Forschung zum
weiterhin aktuellen Thema Ekphrasis. |
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THOMAS
AMOS |
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Thema |
TextBildComic. Die Intermedialität des
zeitgenössischen Comics |
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Exposé
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Bestrebt,
den Comic aus einer seit Jahren andauernden Krise
herauszuführen, ihn zu erneuern und ihm neue Leserschichten zu
erschließen, unterziehen seit einigen Jahren französische
Comic-Künstler das totgesagte Medium radikalen Veränderungen.
Für den textuell-inhaltlichen Teils sind das u. a.: Vermischung
der Genres, Verbindung von "hohen" und para-literarischen Formen
und Inhalten, Selbstreferentialität und Intertextualität. In
noch größerem Maße jedoch hat sich die graphische Gestaltung des
Comics gewandelt, das reicht von kunsthistorischen Zitaten und
Verweisen, intermedialen Bezügen und Kombinationen verschiedener
Stile und Techniken bis zum Bild als para-textuelles Element.
Insgesamt findet eine Entwicklung zu einer anspruchsvollen
Kunstform, zum Art-Comic statt, der beim Leser profunde
literarische und kunsthistorische Kenntnisse voraussetzt.
Anhand ausgewählter Beispiele der gegenwärtigen französischen
Comic-Szene wird gezeigt, wie Text und Bild innovativ
zusammenwirken und somit die Möglichkeiten des grundsätzlich
intermedialen Mediums Comic demonstrieren.
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ANGELIKA
BAUMGART (Bochum) |
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Thema |
Vom
Kulturpessimismus zum "relay race" gegen ›schrottreife‹ 1]
literarische Formen
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Exposé
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In Aren't You Rather Young to be Writing
Your Memoirs prangerte der englische Romancier Bryan Stanley
Johnson 1967 den verstockten Anachronismus einer
Literaturproduktion an, die als hätte es das Werk von James
Joyce und die Erkenntnis, dass der Roman eine dynamische und
keine statische Form sei, nie gegeben, die Krücken des
Geschichtenerzählens mit Ausrichtung des Textes auf die
Neugierde des Lesers nach dem "what happens next" (14), zu Recht
als vollständige Bankrotterklärung der Gattung versteht. Obwohl
die Literatur im zwanzigsten Jahrhundert zunehmend einer
Okkupation des angestammten Territoriums durch visuelle Medien
ausgesetzt war, steuere sie dennoch in einer tatenlosen
ohnmächtigen Pseudoschlacht dem vorprogrammierten Waterloo
bedenkenlos entgegen. Eine ironische Pointe des Befundes
künstlerischer und kultureller Agonie liege in der Berufung der
antiquierten Romanciers an die Lehrstühle der Universitäten und
besiegele eine gleich doppelte Grablegung mit der Inschrift: "let
the dead live with the dead" (15). Die zu Beginn des zwanzigsten
Jahrhunderts von Michail Bachtin initiierte grundlegende
kritische Revision der Literaturgeschichtsschreibung im Bereich
der Romangattung mit Ausrichtung auf die literarische Form
scheint somit folgenlos verhallt. Die literarische Form
gestaltet, "versteht man sie richtig, […] nicht einen schon
fertigen und vorgefundenen Inhalt, sondern erlaubt es erst, ihn
aufzufinden und zu sehen". 2] Die Vorstellung von der Literatur
als ein "relay race" (30) knüpft an die These von Natalie
Sarraute an, nach der "the baton of innovation passing from one
generation to another" (30). Allerdings, konstatiert Bryan
Stanley Johnson, habe die überwiegende Mehrheit der Romanciers
den Stab fallen gelassen, verharre im Stillstand oder in
Rückwendung auf die Tradition und ein Großteil der Zeitgenossen
ignoriere die Herausforderung völlig.
Der Vortrag rückt eine historische Betrachtung des so genannten
Staffellaufs der Romangattung in den Blick und damit zentrale
Stationen der "kopernikanischen" Wende in der Kunst. Eine
Konzentration auf die Funktion der Form in Auseinandersetzung
mit dem Inhalt bedingt zwangsläufig die Auseinandersetzung mit
der medialisierten und globalisierten Kultur. Die Vorstellung
des weithin unbekannten englischen Romanciers und seine
künstlerischen Antworten auf den Kulturpessimismus in seinem
Gesamtwerk fokussieren eine Vielfalt von innovativen
Überwindungen der so genannten "schrottreifen" literarischen
Formen und münden letztlich in der Fragestellung: Welche
Lösungen visueller Art formuliert die Literatur in der
globalisierten und medialisierten Kultur?
1] Bryan S. Johnson: Aren't You Rather Young
to be Writing Your Memoirs? London 1973: 13. Dt.: Mit Ihren
Memoiren sind die reichlich früh dran, München 1973: 13. Die
Übersetzung von Michael Walter von "clapped out".
2] Michail Bachtin: Probleme der Poetik Dostoevskijs,
Frankfurt/M., Berlin, Wien 1985: 51. |
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DIETER
BURDORF (Hildesheim)
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Thema |
Gibt es
poetische Stilleben? |
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Exposé
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Der Vortrag
untersucht die intermedialen Beziehungen zwischen den poetischen
Genres des Beschreibungs- oder Dinggedichts und der Bildgattung
des Stillebens. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der
künstlerischen Darstellung von Früchten in den genannten
Kunstformen. Das Fruchtmotiv verbindet ein Höchstmaß an
Vitalität, Farbigkeit und auch erotischen Konnotationen mit dem
unabwendbaren Verfall und steht daher fast immer im Mittelpunkt
der nature morte. Grundzüge dieser malerischen Gattung werden
skizziert. Der Hauptteil des Vortrags ist der Analyse poetischer
Beschreibungen von Fruchtensembles seit der Antike gewidmet.
Dabei werden vor allem die Unterschiede zwischen lyrischen
Beschreibungen malerischer Stilleben und eigenständigen
poetischen Evokationen von Früchten herausgearbeitet.
Exemplarisch werden diese Unterschiede an Gedichten Rainer Maria
Rilkes vorgeführt. Dabei zeigt sich, daß Rilkes vor allem in
Briefen des Jahres 1907 an seine Frau Clara Westhoff
dokumentierte Auseinandersetzung mit den Stilleben Paul Cézannes
poetisch im dem Gedenken an Paula Becker-Modersohn gewidmeten
"Requiem. Für eine Freundin" aus dem Jahr 1908 fruchtbar gemacht
wird. Erst im Spätwerk versucht Rilke dann von der bildenden
Kunst unabhängige, genuin poetische Stilleben zu realisieren.
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DAGMAR
BURKHART (Hamburg) |
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Thema |
Sichtbares und Unsichtbares in Texten
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Exposé
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Visualität in der Literatur hat viele
Dimensionen. In der klassischen Ästhetik und Poetik wird hiermit
der ganze Bereich der Ut-pictura-poesis- und Mimesis-Theorie
sowie die wechselseitige Erhellung der bildenden und verbalen
Künste tangiert. Neben dieser generellen Ebene sind in der
traditionellen Rhetorik alle beschreibenden (Ekphrasis) und
bildlichen Elemente der poetischen Sprache, vor allem
Äquivalenzformationen wie Tropen (Metapher, Vergleich,
Allegorie, Symbol, Emblem) und rhetorische Figuren (Anapher,
Epipher, Anadiplose, syntaktischer Parallelismus, Chiasmus)
berührt, darüber hinaus spezielle Ausprägungen der visuellen
Seite geschriebener poetischer Sprache (Akro-, Meso- und
Telestichon; Augenreim; Alphabetgedicht; Anagramm als
verborgener Text im visuell manifesten Text;
mimetisch-metaphorische Abbildung der textuellen Textur, russ.
pletenie sloves - "Wortflechterei").
Auf Grundlage der modernen Zeichentheorie lassen sich sowohl
Phänomene wie die Bilderlyrik (technopaignia, carmina figurata,
Figurengedichte) der Antike und des Barock, als auch die
visuellen Varianten der Konkreten Literatur (des russ.
Konstruktivismus, der Dadaisten, des franz. Lettrismus und des
seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts international
auftretenden Konkretismus) beschreiben und analysieren.
Insbesondere die Peirce'sche Semiotik mit ihren triadischen
Zeichen-Modellen ist für die Analyse ikonisch-symbolischer bzw.
graphisch-semantischer Zeichenrelationen in der visuellen Poesie
geeignet. Zur Illustration dieser Selbstreflexion bzw.
Selbstreferentialität von Sprache in der Konkreten Poesie dienen
Beispiele aus dem deutschen und slavischen Kulturraum.
Neben der adäquaten Erfassung der visuell-materiellen Seite von
Zeichen und Zeichenformationen kann die semiotische Theorie von
Peirce auch zur Perzeption der invisuellen Zeichen-Dimension
nutzbar gemacht werden. Von den drei Aspekten des Zeichens - das
Zeichen selbst, das Zeichen in Beziehung zu seinem Objekt und
das Zeichen in Beziehung zu seinem Interpretanten - ist es der
dritte, nämlich der Interpretantenaspekt, der nun in den
Vordergrund rückt. Hier ist zu unterscheiden zwischen dem
Unmittelbaren Interpretanten, d.i. dem Interpretanten, der sich
im richtigen Verstehen des Zeichens zeigt, also dem, was man
unter Bedeutung des Zeichens versteht, zweitens dem Dynamischen
Interpretanten als der tatsächlichen Wirkung, die von dem
Zeichen ausgeht, oder der Reaktion, die ein Zeichen hervorruft,
und drittens dem Finalen Interpretanten, dem eigentlich
Gemeinten, dem interpretativen Resultat, zu dem ein Interpret
gelangt, wenn das Zeichen hinreichend reflektiert wird.
Beispiel: das Phantasma des "Mantels" in der russischen und
deutschen Literatur (N. Gogol, U. Timm und V. Makanin). |
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RENATE
BROSCH (Potsdam) |
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Thema |
Weltweite Bilder, lokale Lesarteng
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Exposé
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Bildern kommt im derzeitigen Kontext eine
besondere politische Bedeutung zu. Man denke nur an die Macht
der Bilder aus dem Irakkrieg. Sie migrieren in der globalen Welt
zwischen Kulturen, Ethnien, Klassen und Geschlechtern und
stellen zwischen ihnen (Macht)Verhältnisse her, die eine starke
emotionale Wirkung besitzen. Die Unmittelbarkeit von Bildern,
ihre scheinbar universale Lesbarkeit, erzeugt Bedeutungen und
Beziehungen, die tendenziell als Abbildungen natürlicher
Gegebenheiten wahrgenommen werden. In unserer globalen Konsum-
und Medienlandschaft übernehmen aber Bilder Funktionen, die die
früheren Grenzen von Bild und Betrachter, Objekt und Subjekt,
verwischen. Paradoxerweise stellt gerade unsere visuelle Kultur,
in der Bilder als "imagines agentes" wie nie zuvor
gesellschaftliche Zusammenhänge bzw. Identitäten stiften und
Steuerfunktionen übernehmen, den Status des Bildes zur
Disposition. Je immaterieller, technischer und vermittelter die
Erscheinungsform der Bilder ist, desto mehr schwindet die
Evidenz des Visuellen. Virtuelle Bilder besitzen eine
größtmögliche Realitätssimulation bei gleichzeitiger größter
Manipulierbarkeit. Obwohl sie weder das Reale abbilden noch
ersetzen, sind sie so sehr Teil unseres Alltags geworden, daß
sie - ähnlich wie dies die Lacansche Psychoanalyse von der
Sprache annahm - unsere bewußten und unbewußten Vorstellungen
beeinflussen. Ausgangspunkt meines Vortrags ist die
Notwendigkeit, unsere Konzepte vom Bild den veränderten
Wahrnehmensbedingungen anzupassen und neue Repräsentations- bzw.
Wahrnehmungstheorien zu entwickeln, die auf die Entgrenzung von
Kunst und Alltagskultur einerseits und auf die interkulturelle
Migration von Bildern durch die neuen Medien und
Kommunikationstechniken andererseits eingehen.
Das Anliegen zielt auf die kulturwissenschaftliche Frage nach
der Produktion von Bildern im sozialen Raum und auf deren
Rückwirkung auf die sinnliche Wahrnehmung und die Produktion
innerer Bilder. Laut Arjun Appadurai gibt es einen
wirkungsmächtigen Zusammenhang zwischen den neuen Medien und der
globalen Migration im Hinblick auf die Konstruktion von
Bildwelten. Beide Erscheinungen unserer postmodernen und
postkolonialen Welt produzierten gemeinsam einen Wandel der
visuellen Imagination und dadurch eine Veränderung der
Konstitution von Subjektivität. Eine anhaltende Dynamik von
Bildern und ihren Betrachtern unterwerfe jede Sinnproduktion
einer nie dagewesenen Instabilität, Irregularität und
Unvorhersehbarkeit. Flotierende Bilder, die sich wie ihre
deterritorialisierten Zuschauer in ständiger Zirkulation
befinden, erzeugten Unabgeschlossenheit und Unregelmäßigkeit,
die schlecht in den Begrenzungen früherer Erklärungsmodelle
aufzuheben seien. Diese Situation provoziere ein
Zuschauerverhalten, das sich subversiv, widerständig, ironisch
und selektiv der Bilderflut entgegenstellen kann. 1] Kann
tatsächlich in der Reaktion von Individuen auf der ganzen Welt,
die an ihren Bildschirmen ein Geschehen verfolgen, das sie nur
in Form technisch und politisch manipulierter Bilder erreicht,
eine produktive Handlung gesehen werden? Floriert Bildskepsis
als Korrelat zur visuellen Mythen- und Stereotypenbildung?
Lokale Ereignisse werden von globalem Zuschauen in ihre eigene
Wahrheit verwandelt, und umgekehrt verändert ein "world wide web
of images" die regionale Betrachterin. Es ist möglich, daß diese
reziproke Interaktion neue Möglichkeiten des Sehens eröffnet.
Eine Art "Vernacular viewing", verstanden als lokale
Rahmensetzung, die globale visuelle Events aus dem konstanten
Bilderstrom heraushebt und für sich interpretiert, könnte den
hegemonialen Blickordnungen (nicht unbedingt bewußte)
dekonstruktivistische Sehweisen entgegensetzen. Der Vortrag will
auf solche kontingenten und resistenten Weisen der
Weltwahrnehmung aufmerksam machen, die dem unaufhaltsamen
Bilderansturm widerstehen und für BetrachterInnen
Subjektpositionen mit anarchischem Potential schaffen.
1] Appadurai, Arjun, "Here and Now", in: The Visual Culture
Reader, ed. Nicholas Mirzoeff. London, New York: Routledge 2002,
173-179. |
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CHRISTAN DEULING (Jena) |
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Thema |
Karikatur und Kommentar im
Bildjournal 'London und Paris' (1798-1815)
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Exposé
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Die Zeitschrift "London und Paris" wurde von
Friedrich Justin Bertuch ab 1798 in Weimar, ab 1804 in Halle und
von 1808 (mit Unterbrechung) bis 1815 in Rudolstadt
herausgegeben. In ihrer Dreiteilung in einen "London"- einen "Paris"-
und einen Karikaturteil wird ein neuartiges Zeitschriftenkonzept
faßbar, in dem ein besonderes Interesse an der
Großstadtwahrnehmung, orientiert an den "Tableaux de Paris" von
Louis-Sébastien Mercier, in Verbindung mit im Anhang
nachgestochenen englischen und französischen Karikaturen zum
Ausdruck kommt, die für das deutsche Publikum von Carl August
Böttiger (bis 1806) kommentiert wurden. Der Beitrag soll
erweisen, inwiefern diese Kommentare den in der Zeitschrift
häufig gerühmten Hogarth-Kommentaren Georg Christoph
Lichtenbergs und anderen Vorbildern verpflichtet sind und
inwieweit Böttiger mit seiner Kommentierung neue Wege geht. Die
englischen und französischen Karikaturen, ursprünglich meist
großformatige Einzelblätter, die einen nicht unbeträchtlichen
Anteil an der politischen Meinungs- und Willensbildung in
England und in Frankreich hatten, wurden von Bertuchs
Korrespondenten vor Ort nach Weimar gesandt, dort verkleinert
nachgestochen und in vergleichender Perspektive kommentiert. Der
Vortrag richtet sein Interesse sowohl auf die Genese wie auf die
Distribution und die Wirkung der Karikaturen, ihrer Nachstiche
und der in ihnen transportierten Nationalklischees, Stereotypen
und Feindbilder. Böttiger nutzt seine Kommentierung, um
besonders expressive und aggressive Karikaturen wie diejenigen
von James Gillray zu relativieren und zu dämpfen, ohne ihren
Grundgehalt zu negieren. Bemerkenswert ist die Anerkennung der
Karikaturen als autonome Kunstwerke, eine Ehre, die den
Karikaturisten in den Herkunftsländern trotz hoher Beliebtheit
dieser Form der Druckgraphik nicht zuteil wurde. Trotz des
innovativen Charakters der Zeitschrift, der sich in der
Integration eines politischen Mediums - der Karikatur - zeigt,
schreibt sie die traditionell zu nennende Anglophilie der
Spätaufklärung fort und nutzt das ungleiche Zahlenverhältnis der
Karikaturen (die englischen Blätter sind deutlich in der
Überzahl), um die künstlerische Qualität der französischen
Karikaturen herabzusetzen und den Qualitätsunterschied mit den
Eigenheiten des französischen und englischen Nationalcharakters
zu erklären. Deutschland bzw. die deutschen Kleinstaaten bleiben
wie auch die deutsche Karikatur unerwähnt, doch darf mit Grund
angenommen werden, daß Bertuch und Böttiger neben dem
ökonomischen Erfolg der Zeitschrift auch eine Veränderung der
politischen Öffentlichkeit herbeiführen wollten, indem sie die
Karikatur als politisches Medium einer Unterhaltungszeitschrift
mit politischen Zügen implementierten. "London und Paris" stellt
somit eine Form des Übergangs dar von der
Unterhaltungszeitschrift, dem "Journal des Luxus und der Moden",
welches seit 1786 erschien, hin zur frühliberalen politischen
Publizistik wie der von Bertuch und Heinrich Luden
herausgegebenen Zeitschrift "Nemesis" (1814-1818) und dem
"Oppositionsblatt oder Weimarische Zeitung" (1817-1820). Der
Vortrag will das Profil des Bildjournals "London und Paris"
charakterisieren und zeichnet dazu Traditionslinien wie den
Einfluß der Physiognomik Lavaters, der Hogarth-Kommentare
Lichtenbergs und anderer Vorläufer und Vorbilder nach, um
schließlich zu zeigen, welchen Stellenwert die Zeitschrift der
Karikatur für die Ästhetik und Politik um 1800 beimißt.
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SEBASTIAN
DONAT (München) |
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Thema |
Optische
Rhythmen. Ein Versuch zur Gattungsbestimmung der Freien Verse
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Exposé
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ODer Beitrag beschäftigt sich mit einer
gattungstheoretischen Kernfrage am Schnittpunkt von Textualität,
Visualität und Performativität. - Die optische Performanz bzw.
schriftliche Fixierung von Gedichten gilt landläufig nur als
sekundäre Bestimmungsebene, die aus der Skansion eines gegebenen
lyrischen Textes abgeleitet werden kann und lediglich in
einzelnen lyrischen Subgenres wie dem Figurengedicht in den
Vordergrund rückt. Statt dessen wird der Rhythmus eines
Gedichtes als dessen ›temporale Anordnung von vergleichbaren
Elementen in gestalthafter Struktur‹ (Arndt/Fricke) unmittelbar
an dessen akustische Performanz gekoppelt. Lyrische Texte
erscheinen somit als notwendig und wesentlich durch die
regelmäßige Abfolge prosodisch entsprechend differenzierter
Einheiten bestimmt. Diese generelle Dominantsetzung der
akustischen über die optische Ebene lyrischer Texte - so die
zentrale These des Beitrags - erweist sich in bezug auf die
Freien Verse als unhaltbar. Statt dessen wird eine basale
Unterscheidung zwischen dominant akustisch und dominant optisch
bestimmten Versen vorgeschlagen und für beide Bereiche ein
typologischer Entwurf präsentiert.
Den Ausgangspunkt des Vortrags bildet eine Bestandsaufnahme
einschlägiger metriktypologischer Ansätze (Lotz, Buchštab,
Wagenknecht, Küper, Gasparov), in denen die Freien Verse wenn
überhaupt, so zumeist rein negativ bestimmt werden. Eine
kritische Überprüfung der Metriktypologien in bezug auf die
Vollständigkeit und Trennschärfe ihrer Kategorien führt in einem
zweiten Schritt zur Herausarbeitung dreier basaler metrischer
Kriterien, die ihnen zugrunde liegen: Qualität, Anzahl und
Position der Silben. Ihre Spezifizierung nach Maßgabe der
jeweils regional und historisch vorliegenden
prosodisch-rhythmischen Konventionen erlaubt einerseits die
adäquate Beschreibung bisher ›randständiger‹ lyrischer Formen,
andererseits die punktgenaue Unterscheidung zwischen Gebundenen
und Ungebundenen bzw. Freien Versen; letztere lassen sich
allerdings nach wie vor lediglich negativ definieren.
Einschlägige Versuche zur positiven Bestimmung der Freien Verse
auf der Basis unterschiedlich fokussierter, nicht auf die
Prosodie beschränkter Wiederholungseinheiten (Žirmunskij, Žovtis,
Enders) erweisen sich zwar gattungstheoretisch als unzulänglich,
lenken jedoch den Blick auf die zwei grundsätzlichen Ebenen, auf
denen sich in je unterschiedlichen Anteilen der Rhythmus eines
jeglichen Gedichts charakterisieren läßt: Akustik und Optik.
Die Unterscheidung in vorwiegend ›akustische‹ vs. vorwiegend
›optische Rhythmen‹ koppelt nun in einem weiteren Schritt
zunächst die metrische Regelmäßigkeit der Gebundenen Verse an
ihre akustische Performanz, d.h. an ihre Rezitation und Skansion.
Dem steht die dominant optische Performanz der Freien Verse
gegenüber, d.h. ihre notwendige und wesentliche Realisation in
der Form schriftlicher Fixierung, die anders als bei den
Gebundenen Versen die unverzichtbare Grundlage für einen
angemessenen sprachlichen Vortrag bildet. Die vergleichbaren
Elemente, aus deren Anordnung sich die gestalthafte rhythmische
Struktur der Freien Verse ergibt, liegen hier nicht mehr in der
Form metrischer Bausteine vor, sondern werden durch die rein
optisch gegebenen Verszeilen gebildet. Dadurch gewinnt das
Verhältnis zwischen Vers und Syntax eine neue Qualität, die sich
als notwendiges und positives Merkmal der Freien Verse erweist
und es abschließend erlaubt, im Rückgriff auf Gasparov/Skulaceva
auch für diesen Bereich der Lyrik eine adäquate rhythmische
Typologie aufzustellen.
Literatur:
Arndt, Erwin u. Fricke, Harald: "Rhythmus", in: Reallexikon der
deutschen Literaturwissenschaft, hg. v. Harald Fricke u.a., Bd.
3, Berlin u. New York 2003, S. 301-304.
Buchštab, Boris: "Ob osnovach i tipach russkogo sticha" (›Über
die Grundlagen und Typen des russischen Verses‹), in:
International Journal of Slavic Linguistics and Poetics 16
(1973), S. 96-118.
Donat, Sebastian: "Es klang aber fast wie deine Lieder…" Die
russischen Nachdichtungen aus Goethes "West-östlichem Divan",
Göttingen 2002, bes. Kap. 3.4. "Die Diskussion der Freien Verse
in der sowjetischen Literaturwissenschaft".
Ders.: "(A)Metrische Mythen. Zum Streit um die Freien Verse in
der sowjetischen Literaturwissenschaft", in: Stereotyp und
Geschichtsmythos in Kunst und Sprache. Beiträge zur Kultur
Ostmitteleuropas auf der Internationalen Konferenz, Potsdam
26.-28. Januar 2003, hg. v. Katrin Berwanger u. Peter Kosta,
Frankfurt/Main (i.E.).
Enders, Horst: Stil und Rhythmus. Studien zum freien Rhythmus
bei Goethe, Marburg 1962.
Gasparov, Michail: Ocerk istorii evropejskogo sticha (›Abriß der
Geschichte des europäischen Verses‹), Moskva 1989. |
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ANA
FOTEVA (Purdue/West Lafayette IN/USA)
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Thema |
Der
geographische Raum der österreichisch-ungarischen Monarchie aus
der Perspektive des postkolonialen Diskurses
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Exposé
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Die Sprachkrise der Moderne prägt stark die
Werke der österreichischen Schriftsteller der Jahrhundertwende.
Sie ist Teil oder Konsequenz der damaligen Entwicklung der
Geistesgeschichte (die Umwertung aller Werte Nietzsches und die
Psychoanalyse Freuds), die den Blick auf den Körper gerichtet
hat. Der Dialog zwischen den fiktiven Gestalten ist in den
Prosawerken aus dieser Zeit sehr oft beinahe gänzlich abwesend
und wird durch den Blick ersetzt. Sowohl der Blick der Gestalten
als auch die Perspektive des Erzählers kreieren Bedeutungen, die
durch Sprachbilder eher suggeriert, als entfaltet werden. Der
Blick selektiert, bewertet und beurteilt.
In meinem Referat werde ich der Frage nachgehen, inwiefern die
eroberten Gebiete/Länder (die Definition des Raums als Land oder
Gebiet hat ausschließlich mit der Position des definierenden
Subjekts zu tun) innerhalb der österreichisch-ungarischen
Monarchie bei Hugo von Hofmannstahls (Reitergeschichte) und
Joseph Roths (Die Büste des Kaisers) als Kolonien und die
Monarchie als koloniale Macht angesehen werden. Denn es ist
nicht zufällig, dass die Bilder des Körpers und der eroberten
Länder bei Hofmannsthal miteinander korrespondieren und die
Symbole der Monarchie bei Roth Identitäten definieren bzw.
stiften. Dies hat mich dazu bewogen die Werke dieser beiden
Autoren im Kontext des postkolonialen Diskurses zu betrachten
und im Sinne von Irit Rogoffs Terra Infirma, Geography´s Visual
Culture den Konzepten der geographischen Kenntnisse als
Richtlinien für die Gestaltung der Identitäten nachzugehen.
Sowohl bei Hofmannsthal als auch bei Roth ist der geographische
Raum mit den Kategorien des Genders und der Rasse gleichwertig
und austauschbar. Bei Hofmannsthal ist besonders die Funktion
des Blickes hervorgehoben, der, wie oben schon erwähnt,
Bedeutungen kreiert aber auch Eroberung andeutet. Das männliche
Subjekt schaut auf das weibliche Objekt und nimmt es wie einen
Gegenstand wahr, der das eroberte Land und die eroberten Völker
symbolisiert und daher in Besitz genommen werden muss. Der Blick
des Objekts wird durch die Perspektive des Subjekts gebrochen,
die ihn einschränkt und fragmentiert. Durch den Blick des
herrschenden Subjekts werden auch die Körper der beherrschten
Völker fragmentiert und auch feminiert. Roth hat das Moment des
Wechsels bzw. des Verlustes der eindeutigen
"Navigationsprinzipien" (Rogoff) festgehalten, die aus der
Perspektive des Herrschervolkes der österreichisch-ungarischen
Monarchie eindeutige und immer gleichschaltende Antworten auf
die Frage des Zusammenhangs zwischen geographischem Raum und
Identität geboten haben. Dieses Moment deckt die
Instrumentalisierung des geographischen Raums vonseiten des
Machtsubjekts auf, das durch die Benennung des Raums denselben
auch erobert und die verschiedenen Identitäten, die auf dem Raum
existieren, gleichschaltet.
Schließlich werde ich mich dem Ausgangspunkt des Referats
wenden, nämlich ob die österreichisch-ungarische Monarchie als
koloniale Macht und die von ihr beherrschten Gebiete als
Kolonien zu betrachten sind. Wenn wir annehmen, dass Kolonien
nur jene Länder sind, die nicht zur westlichen Geistesgeschichte
gehören, stellen sich die folgenden Fragen: Wo werden die
Grenzlinien des Westens gezogen? Gibt es einen ideellen Raum -
"Westen"? Wer gehört dazu und wer nicht? |
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JÖRN
GLASENAPP (Lüneburg)
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Thema |
Ein
Plagiat des Dagewesenen? Karl Pawek, The Family of Man und die
Weltausstellung der Photographie
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Exposé
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"Nicht deutsch, nicht europäisch, nicht
abendländisch, nur menschheitlich kann der Horizont sein, wenn
wir fragen, wo wir heute stehen", 1] formulierte Karl Jaspers
1960 eine angesichts der rasanten Verkehrs- und
Medienentwicklung, des Bevölkerungswachstums, der
transnationalen Wirtschaftsvernetzung sowie der globalen
Bedrohung durch Atom- und Wasserstoffbombe schon damals kaum
mehr zu leugnende These. Dieser sah sich auch Karl Pawek ganz
und gar verpflichtet, als er sich Anfang der sechziger Jahre an
die Planung und Organisation der ersten der insgesamt vier
Weltausstellungen der Photographie machte, die schließlich im
Oktober 1964 ihre Premiere feierte. 2] "Was ist der Mensch?",
lautete die ebenso umfassende wie verschwommen-pathetische
Frage, die es zu klären galt, und zwar rein fotografisch, das
heißt mittels 555 von Pawek selbst ausgesuchter Aufnahmen von
264 Fotografen aus 30 Ländern - ein ebenso ambitioniertes wie
aufwändiges Projekt, von dessen Originalität sich die
zeitgenössische Kritik freilich nicht recht überzeugen ließ; am
allerwenigsten Alfred Becker, der in einem der zahlreichen
Verrisse der Ausstellung diese als bloßes "Plagiat des
Dagewesenen" 3] abkanzelte und damit eine Einschätzung vorlegte,
der man zumindest auf den ersten Blick zuzustimmen geneigt ist.
Zu zahlreich, zu offenkundig muten die Parallelen zur Family of
Man an, jener legendären Bilderschau, die, von Edward Steichen
kuratiert, 1955 zunächst im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA)
gezeigt wurde, um anschließend in fünf Versionen um den Erdball
zu wandern und in insgesamt 38 Ländern über neun Millionen
Besucher anzulocken, und zwar diesseits und - die Ausstellung
wurde 1959 unter anderem auch in Moskau gezeigt - jenseits des
Eisernen Vorhangs.
Mit 503 Exponaten von 273 Fotografen aus 68 Ländern nur
geringfügig kleiner als Paweks Weltausstellung, widmet sich die
Family of Man wie diese dem 'Menschen an sich', das heißt dem
Menschen jenseits jeglicher Spezifität wie etwa der Rasse, der
Nationalität, des Berufs oder des gesellschaftlichen Kontextes.
"It is essential to keep in mind", hatte Steichen 1954 all jenen
Fotografen zu Bedenken gegeben, die sich um die Teilnahme an der
Ausstellung bewerben wollten, "the universal elements and
aspects of human relations and the experiences common to all
mankind rather than situations that represented conditions
exclusively related or peculiar to a race, an event, a time or
place." 4] Ganz in diesem Sinne fiel denn auch das Ergebnis des
langwierigen Selektionsprozesses aus, das am 26. Januar 1955
erstmalig der gespannten Öffentlichkeit präsentiert wurde und
letztere durch die fotografische Profilierung einer allgemeinen,
zumal bei den (vermeintlichen) anthropologischen Konstanten wie
der Geburt, der Arbeit, der Liebe, dem Spiel und dem Tod
aufscheinenden conditio humana von der Existenz einer, so
Steichen im Ausstellungskatalog, "essential oneness of mankind
throughout the world" 5] überzeugen sollte - ein Ansatz, der
nicht unangefochten blieb. So meldete sich etwa Roland Barthes
mit einer ebenso vernichtenden wie brillanten Kritik zu Wort, in
der er der Ausstellung vorwarf, über die Postulierung einer
menschlichen Essenz die bestehenden Ungleichheiten bzw.
Ungerechtigkeiten auszublenden und somit festzuschreiben. 6]
Wendet man sich vor dem Hintergrund der Barthesschen Kritik nun
der Weltausstellung zu, so fallen sogleich die in deren
Konzeption und Struktur installierten 'Sicherungsvorkehrungen'
auf, die einer ideologiekritischen Einschätzung im Sinne des
französischen Theoretikers vorgreifen. Dies ist ein zweifelsohne
bemerkenswerter Umstand, der bereits vage andeutet, was es in
dem hier projektierten Beitrag mittels einer relationalen
Betrachtung 7] zu explizieren gilt: nämlich, dass es sich bei
Paweks Projekt ganz bestimmt nicht um ein bloßes "Plagiat des
Dagewesenen" handelt, wie dies der oben zitierte Becker
konzedierte und wie es aufgrund der vielen Parallelen zur Family
of Man auf den ersten Blick den Anschein haben mag, sondern dass
sich Pawek mit seiner Weltausstellung vielmehr bewusst und
explizit in den Schatten des großen amerikanischen Vorbildes
stellte, um sich dann um so entschiedener von diesem zu lösen
und hierbei retrospektiv dessen Schwächen - ob im Sinne Barthes'
oder aber in anderer Hinsicht - aufzuzeigen.
1] Karl Jaspers, "Wo stehen wir heute?", in: Universitas, Jg. 15
(1960), H. 5, S. 473-486, hier: S. 479.
2] Die 'Uraufführung' der Ausstellung fand am 1. Oktober 1964 im
Züricher Kunstgewerbemuseum statt. Ihr folgten - die Schau ging
in sieben identischen Versionen parallel auf Tournee - am
nächsten Tag Eröffnungen im Steinernen Haus in Frankfurt am
Main, im Amsterdamer Stedelijk-Museum sowie im Museum Folkwang
in Essen und am 3., 6. beziehungsweise 9. Oktober in der
Städtischen Kunsthalle Recklinghausen, im Dortmunder Museum am
Ostwall und schließlich im Düsseldorfer Kunstverein. (vgl. N.N.,
"Weltausstellung der Fotografie eröffnet", in: Hannoversche
Allgemeine Zeitung (1.10.1964), S. 10). 1968, zu einer Zeit
also, in der die erste Weltausstellung noch im Ausland gezeigt
wurde, startete schließlich deren Nachfolgerin, in der es darum
ging, so der Titel der Schau, Die Frau einer fotografischen
Inspektion zu unterziehen. Fünf Jahre später, 1973, wurde der
Zyklus dann mit Unterwegs zum Paradies fortgesetzt, einer
Ausstellung, in der sich Pawek mit großem Nachdruck Problemen
wie Umweltverschmutzung, Krieg, Überbevölkerung und
Hungerkatastrophen annahm und das im Titel geführte Paradies
implizit als ein grundsätzlich fernes profilierte. 1977
schließlich feierte, unterstützt von UNICEF, Die Kinder unserer
Welt Premiere, die nicht weniger als fünf Millionen Menschen
erreichte und damit einen würdigen Abschluss einer Serie
bildete, die mit ihren insgesamt fünfundzwanzig Millionen
Besuchern in der europäischen Ausstellungsgeschichte als ganz
und gar singulär eingestuft werden darf.
3] Alfred P. Becker, "Weltausstellung der Photographie?", in:
Photo-Presse, Jg. 19 (1964), H. 49, S. 6-7, hier: S. 6.
4] Zitiert nach Eric J. Sandeen, "The Family of Man at the
Museum of Modern Art: The Power of the Image in 1950s America",
in: Prospects, Jg. 11 (1987), S. 367-391, S. 370.
5] Edward Steichen, "Introduction", In: The Museum of Modern
Art, New York (Hrsg.), The Family of Man. New York 2000 (11955),
S. 3.
6] Roland Barthes, "Die große Familie der Menschen", in: ders.
Mythen des Alltags, Frankfurt am Main 1964 (11957), S. 16-19.
7] Verwendet in Anlehung an Gérard Genettes Konzept der
relationalen bzw. palimpsestuösen Lektüre. Vgl. hierzu Gérard
Genette, Palimpseste: Die Literatur auf zweiter Stufe, Frankfurt
am Main 1993 (11982).
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STEPHANIE A. GLASER
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Thema |
The Sylvan
Cathedral: Perception and Representation of the Gothic Cathedral
and Nature from the Eighteenth to the Twentieth Century
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Exposé
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The
eighteenth-century reappraisal of Gothic architecture occurred
concomitantly to the new-found admiration for the natural world,
and the connection between the Gothic cathedral and the forest
soon became a commonplace in travel accounts, aesthetic
treatises, and even theoretical works. In praising the sylvan
character of the Gothic, writers rarely focused on the vegetal
sculpture adorning the edifice however, rather they extolled the
perceived visual likeness of its architectural forms to the
arboreal world. This comparison should not be taken for granted
merely as a Romantic cliché, for it circulated widely throughout
the European countries and persisted into the twentieth century;
for these reasons it serves as an exemplary case study in the
impact of visual experience.
Taking as point of departure the visual, that is to say the
arboreal qualities of the Gothic cathedral as perceived by
eighteenth-century writers, I will show how the sylvan analogy
was modified and transformed within various verbal texts, works
which consequently shaped the understanding of Gothic
architecture as evidenced by visual images and contemporary
theories about the origins of the Gothic. The power of this
visual analogy and the persuasive explanations of Gothic
structure and origin which arose because of it, I will argue,
not only assured its longevity, but came to structure the
perception of the natural world.
In discussing works by Goethe, Friedrich Schlegel, Sulpiz
Boisserée, Victor Hugo, John Ruskin, J.-K. Huysmans, Auguste
Rodin, Marcel Proust, Karl Friedrich Schinkel, Caspar David
Friedrich, John Constable, and Camille Corot, this study aims to
cover the ramifications of the sylvan analogy in a broad
cultural context, using this phenomenon to raise fundamental
questions about how meaning is constructed from visual
experience, to show how this understanding is portrayed verbally
and visually, and to demonstrate concretely to what extent
perception can influence not only images, but interpretation and
scientific inquiry. |
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REINHOLD
GÖRLING (Düsseldorf)
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Thema |
Matrixial gaze - Zu einer psychonalytischen Theorie des Bildes
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Exposé
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Der Psychoanalyse wird gern nachgesagt, dass
sie den Menschen auf die Sprache und das Wort reduziere. Dem
widerspricht allerdings, dass Freud sich in mehreren Situationen
der Entwicklung seiner Metapsychologie auf Bilder bezieht, am
deutlichsten in seinem Buch über Leonardo da Vinci von 1910. So
dominant die sprachlichen und sprachtheoretischen Metaphern in
Freuds Werk sind, es wäre zu fragen, ob sie eine Theorie der
Visualität nur verdecken, oder ob dies tatsächlich eine
Leerstelle ist.
Die Geschichte der Psychoanalyse und die intensive Geschichte
psychoanalytisch orientierter Kunst- und Filmtheorie gibt
Hinweise für beides, dafür, dass es so etwas wie ein Drängen der
Psychoanalyse zu einer sprachlichen Habhaftmachung des Bildes
gibt, wie auch, dass eine vom Bild her kommende Metapsychologie
zu einer Akzentverschiebung psychoanalytischer Annahmen führen
wird. Lacans Theorie der Spiegelphase ist sicher Teil einer
solchen Akzentverschiebung. Wohin aber kommen wir, wenn wir
nicht nach der Sprachlichkeit, sondern nach der Visualität des
Unbewussten fragen? Metaphern wie die der Dunkelheit unbewußter
Vorgänge wären aufzuheben, Begriffe Freuds wie der der
Repräsentanz von Trieb und Objekt, der des Fetisch oder der der
Rücksicht auf die Darstellbarkeit in der Traumarbeit wären neu
zu fassen. Welche Rückschlüsse über die Visualität des
Unbewussten lassen die Theorien des Szenischen zu, wie sie sich
etwa bei Laplanche und Pontalis in ihrem Konzept der Urpantasien
oder bei Lorenzer in seinem Begriff der sinnlich-symbolischen
Interaktionsformen und seinen darauf aufbauenden Kulturanalysen
finden? Zumindest auf den ersten Blick weisen sie eine starke
Analogie zu Didi-Hubermans Kozept der figurierenden Figur und
des Ortes auf. Schließlich führen solche Überlegung zum
Verhältnis von Sehen und Blick, von Sichtbarkeit und
Unsichtbarkeit, wie sie Merleau-Ponty in seiner
Auseinandersetzung mit Kunst entworfen hat und wie sie in
zeitgenössischer Kunst und im Film reflektiert wird. Als
Beispiele wird der Vortrag ein filmisches Beispiel von Godard
und das Werk von Lichtenberg Ettinger heranziehen, von deren
Überlegungen der Vortrag auch seinen Titel übernimmt. |
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PETER
GOSSENS (Münster) |
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Thema |
September 11, 2001 - ›really ground zero‹
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Exposé
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Die
Bildsequenzen des Flugzeugangriffs auf die beiden Türme des
World Trade Center (WTC) und die Überreste der zerstörten
Gebäude sind zu Ikonen der Auseinandersetzung einer globalen
Kultur im 21. Jahrhundert geworden. Der "JAHRHUNDERTUNFALL" 1]
vom 11. September 2001 spielte sich von Anfang an als
öffentliches Medienereignis ab, wobei Präsenz in dieser
Medienöffentlichkeit auch ein wichtiger Bestandteil der von den
Attentätern intendierten Wirkung war: "Die Terror-Katastrophe
ist eine ›visuelle Kriegserklärung‹, die sehr deutlich die
materielle und die symbolische Ebene miteinander verbindet. Es
wurde nicht nur etwas Schreckliches getan an diesem 11.
September 2001. Es wurde auch etwas Schreckliches ›gezeigt‹." 2]
Aber die verschiedenen visuellen und elektronischen Medien
spielen auch bei den Reaktionen auf den ›11. September‹ eine
wesentliche Rolle: Film, Photographie und Comic, aber auch das
Internet und eMail-Kommunikation wurden zu wesentlichen
Transformatoren dieses Ereignisses. Besonders die Photographie
"was the perfect medium to express what happened on 9/11, since
it its democratic by its very nature an infinitely reproducible".
3] Gegen die plötzliche Auflösung der politischen und
kulturellen Identitätsmuster wurden individuelle, mediale
Strategien, um "sich in seine Wahrnehmung wieder einzubinden,
sich einer realität zu versichern in kleinen kommunikativen
gesten voller redundanzen und wiederholungen". 4]
Der Beitrag zur Tagung der DGAVL 2005 möchte die Auswirkungen
auf den 11. September 2001 in Literatur und Kunst untersuchen.
Neben Katrin Rögglas ›really ground zero‹, dem wohl
unmittelbarsten literarischen-visuellen Dokument, sollen weitere
Projekte, die literarische und mediale Ausdrucksformen
miteinander verbinden, zum Gegenstand der geplanten Analyse
werden. Neben anderen literarischen und filmischen Dokumenten
werden hier auch Art Spiegelman Comics zum 11. September zu
untersuchen sein. Im Anschluß an Jonathan Crary kann gefragt
werden, ob Strategien moderner Wahrnehmung auch nach einem
Anschlag auf die Welt der westlichen Moderne weiterhin
funktionieren oder ob die politisch Zäsur, die der 11. September
markiert auch Auswirkungen auf Wahrnehmungs- und
Repräsentationsmuster der westlichen Kultur hatte.
1]
Alexander Kluge: Die Lücke, die der Teufel läßt. Frankfurt am
Main. Suhrkamp, 2003, S. 88.
2] Georg Seeßlen; Markus Metz: Krieg der Bilder. Bilder des
Krieges. Abhandlung über die Katastrophe und die mediale
Wirklichkeit. Berlin: Edition Tiamat, 2002, S. 8.
4] George, Alice Rose; Peress, Gilles; Shulan, Michael; Traub,
Charles (Hg.): here is new york. a democracy of photographs.
Zürich; Berlin: New York: Scalo, 2002, S. 8f.
5] Katrin Röggla: really ground zero. 11. September und
folgendes. Frankfurt am Main: Fischer, 2001, S. 8.
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BETTINA
GRUBER (Bochum/Dresden) |
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Thema |
Filmische
und erzählte Topographie. Der Himmel über Berlin und Peter
Handkes narrative Strategien
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Exposé
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Topographische Schilderungen und Phantasien nehmen in Schreiben
und Poetik Peter Handkes einen außergewöhnlich großen Raum ein.
Der Fokus seines Interesses liegt dabei auf Peripherien und
industriell durchwachsenen Zonen (was in der Tradition neuerer
Literatur kein Einzelfall ist), die einerseits in
detailversessener Darstellung rekonstruiert, andererseits mit
sakraler Bedeutung ausgestattet werden. In einem Beitrag für das
Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 48/2004 hat Verf.
die Funktion dieser Thematik für Handkes Schreiben in Hinblick
auf Selbst- und Fremdreferenz der Texte untersucht: erzeugt
letztere eine im Ansatz kulturkritische Position, die gleichwohl
um eine Versöhnung mit den Zerstörungen der Moderne ringt, so
fungiert die Motivik (wie alle massiv auf Wahrnehmung zentrierte
Motivik) für das Schreiben selbst als Bekräftigung des
a-theoretischen Status von Kunst als Kunst. - An diesen Befund
läßt sich die Frage anschließen, wie sich die Mediendifferenz
auswirkt, wenn ein topographisch besessener Autor von der
Literatur. |
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SEBASTIAN HARTWIG (Bochum)
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Thema |
Sternschnuppen auf exzentrischen Bahnen. Überlegungen zu
Textbild und Textbildlichkeit in Mallarmés Un coup de dés
jamais n'abolira le hasard
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Exposé
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Mallarmés
späteste Dichtung gilt dem Bemühen, insbesondere Materialität
und Temporalität der Sprache in einem neuartigen und riskanten
Wurf von Schriftlichkeit zu überwinden, indem er die Medialität
der Literatur selbst verändert, die sich überkommenen Verfahren
der Beschreibung entzieht. Im Préface zum Coup de dés bestimmt
Mallarmé die Ordnung des Satzspiegels als Partitur. Kegelhöhe,
Auszeichnung, Satzart, Durchschuß und Weißraum in der
Seitengestaltung transponieren die Fläche zum Raum, in dem sich
das Wort in einer Simultaneität unendlicher Bezüge unaufhörlich
transkribiert und regeneriert. Auf elf quartformatigen
Doppelseiten gestaltet Mallarmé das Drama einer Idee, das
statthat zwischen dem in Versalsatz konstatierten "un coup de
dés / jamais / n'abolira / le hasard" und einer verzögert
einsetzenden, kontrapunktierenden Stimme gleicher Auszeichnung,
deren Gegengewicht erst auf der letzten Doppelseite vollends
aufscheint: "Excepté Peut-être / une constellation." Weitere
Stimmen, die sich teils als Solisten nähern, teils als Chöre
entfernen, treten, die Spannung der ersten beiden abwägend,
hinzu und leuchten in ikonischen, indexikalischen und
symbolischen Konjunktionen auf. Die Medien finden ineinander.
Diese vereinend und demgemäß übersteigend nähert sich das Werk
der "explication orphique de la Terre". Der Coup de dés ist
Polyphonie gewordene Schrift, die Kegelhöhen Partiturschlüssel
einer Aleatorik, deren Textualität sich in ideographischen
Vexierbildern, "par le heurt de leur inégalité mobilisés",
ausschreibt. Durch die "transposition" der Fläche und die "dispersion"
der Schrift wird die gewohnte Linearität des Lesens - auch in
einem ganz physikalischen Sinne - abgelenkt. Letzteres Moment
findet sein Pendant im gleißenden Verbrennen der Worte selbst,
die "s'allument de reflets réciproques comme une virtuelles
traînée de feux" und so zu Junktoren eines "espacement de la
lecture" werden. Bedeutet der Coup de dés die formale Mimesis
des hypothetischen Konjunktivs, so übersetzt, den unendlichen
Versuch, "d'élever enfin une page à la puissance du ciel étoilé"
(Valéry), einen Widerhall der Sphärenmusik in der Schrift, deren
Harmonie in "un solitaire tacite concert" der "Constellation"
ungerührt über dem Drama des Gedichts Bestand hat. Die
Konstellation der Gestirne, die Mallarmé als Initiale und
Indizes einer universalen Chiffrenschrift, im Sinne einer fern
gerückten doch strahlenden Idealität, deutet, fallen in Gestalt
der relativen Interaktion von Weiße und Schwärze wie
Sternenfeuer als "granite" auf die Seiten und "donner un sens
plus pur aux mots de la tribu". Gemäß der Erläuterung Mallarmés,
daß es sich bei dem Text um "subdivisions prismatiques de l'Idée"
handelt, muß er, den Gesetzen der Kontinuität des
Prismenspektrums gehorchend, in "les blancs" eingehen, um zum
Anfang hin endend wieder Wort zu werden: "une constellation"
stellt infolgedessen die Sammellinse dar, die die Längen des
gebrochenen - typographisch umbrochenen - Lichts bündelt und
dessen Ablenkung in Permanenz iteriert. Der Coup de dés hat
statt in seiner Annahme, in der sein Ausgang als reine
Prozessualität perpetuiert: "Toute Pensée émet un Coup de Dés" -
endloses Drama des vielleicht uferlosesten Gedankens. Doch wie
ein Drama beschreiben, das immer schon dem suchenden Blick
voraus liegt? Wie einen Text kommentieren, dessen Textualität
solchermaßen unruhig und veränderlich erscheint? Eine genaue
Untersuchung der Prozessualität selbst kann eine Interdependenz
von Textbild und Bildlichkeit des Textes aufzeigen helfen, deren
versichernde Konsolidierung Kontiguitäts- und
Kontingenzbeziehungen begründen und verantworten.
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SHAUN
HUGHES (Purdue/West Lafayette IN/USA)
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Thema |
Skin
Signifiers, Signifying Skin: Making Visible Women's Tattooing in
Sia Figiel's They Who Do Not Grieve
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Exposé
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AThere is a traditional Samoan proverb
referring to secrets that have become divulged, that states that
the tattoo patterns are hidden (by clothing) when glanced at.
But just because they are not seen by the eye does not mean that
their presence is not perceived by the mind and the
significances that are attached to the designs remain the same
whether they are seen or not. The Samoan novelist, Sia Figiel,
in her most recent work, They Who Do Not Grieve, structures her
novel around women's tattoos and what is visible when it is
invisible and what remains invisible even when it is seen.
In the practice of tattooing can be seen the convergence of
ancient tradition and contemporary fashion. On the islands of
Samoa and in the immigrant Samoan communities in Niu Sila (New
Zealand) and elsewhere, there has been a resurgence of interest
in this traditional practice long frowned upon by missionaries
and church leaders. According to legend, tattooing was brought
to Samoa from the Fiji Islands by two women usually called Taema
and Tilafaiga. When they set out they were bringing the message
"e tata fafine, 'a e tu'u tane" (tattoo the women, but leave
alone the men) but on the way they got distracted and their
message became changed to "e tata tane, 'a e tu'u fafine" (tattoo
the men, but leave alone the women). But women were to be
tattooed in Samoa and in They Who do Not Grieve, Sia Figiel,
weaves the legend of Taema and Tilafaiga into her narrative of
three generations of Samoan women. The narrative focuses on two
women and their grand daughters, Malu and Alofa (the protagonist
of her first novel, Where We Once Belonged, which explored the
consequences of a postcolonial, globalized culture in the lives
of her young protagonists). The two older women were once the
firmest of friends, but things go horribly wrong during their
mutual tattooing ceremony. Tausi betrays Lalolagi's affair with
the tufuga tatatau (tattooist) leaving them forever estranged.
Lalolagi is shamed with an incomplete tattoo and suffers the
amputation of an ear ('o le tipi o le taliga), a traditional
punishment for one who seduces another woman's husband (fa'amoe
tane). But these secret shames are hidden with disastrous
consequences for the daughters of Lalolagi and Tausi who must
each in their own way render visible the hidden secrets. It is
only with the third generation that the grand-daughters Malu (whose
name refers to the designs at he back of the knee in women's
tattooing) and Alofa (whose name means love, affection) discover
the possibilities of cultural recuperation in which women's
tattooing is a focus on the path to cultural self-awareness and
self-identity. In effect, they explore the concepts that Didier
Anzieu theorized in his work Le moi-peau and which were so
convincingly applied to Polynesian tattooing by Alfred Gell in
his seminal study, Wrapping in Images (1993).
This paper explores the intersections of tattooing, tradition,
cultural regeneration, and feminism as Figiel embarks on the
creation of an indigenous sense of female identity in the South
Seas, eliding the constructs imposed on women of the region
whether by the sailors' reports returning home in the eighteenth
century, or by the anthropological misunderstandings of
researchers like Margaret Mead. And it is the tattoo that makes
visible this truth for those who have the eyes to see it as it
is and the minds to internalize the meanings it conveys.
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(1996): 15-29. |
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MATTHIAS
HURST |
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Kontakt
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Thema |
Traumbilder. Visuelle Diskurse objektiver und subjektiver
Wahrnehmung in den Filmen David Lynchs
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Exposé
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In unserer zunehmend von Bildern geprägten
Kultur spielt der Film als visuelles Massenmedium von
weitreichender Popularität eine wichtige Rolle in der Gestaltung
und Vermittlung gesellschaftlicher Diskurse. Speziell die in
Moderne und Postmoderne relevant gewordenen Verunsicherungen des
Subjekts angesichts der Erfahrungen historistischer Relativität
und rapider gesellschaftlicher Veränderungsprozesse sowie
angesichts der zahlreichen Aporien in individuellen und
kollektiven Erkenntnis- und Erlebnisdimensionen finden im Medium
Film ihren Ausdruck. Sowohl in inhaltlicher als auch in
ästhetischer und struktureller Hinsicht ist eine Wechselwirkung
zwischen der sozialen Realität und den Gestaltungsmöglichkeiten
des Spielfilms zu beobachten. Der Konflikt zwischen objektiver
Welterfassung und -darstellung einerseits und subjektiver
Welterschließung andererseits, das Zusammenspiel zwischen
Erinnerung und Identität und die Möglichkeiten, bzw. Grenzen
fragmentarischer Weltsicht gerinnen in Filmproduktionen von
Regisseuren wie beispielsweise Alain Resnais (Hiroshima Mon
Amour; L'Année dernière à Marienbad; Providence), Andrej
Tarkowsky (Der Spiegel), David Lynch (Lost Highway; Mulholland
Drive), David Cronenberg (Videodrome; Naked Lunch; Existenz),
Christopher Nolan (Memento) und Michel Gondry (Eternal Sunshine
of the Spotless Mind) zu gleichermaßen experimentellen wie
expressiven Strukturen visueller Gestaltung. Die Filme
präsentieren sich als artifizielle und artistische
Konstruktionen von Wirklichkeit und Identität, die das Potential
menschlicher Kognition und die Untiefen der menschlichen Psyche
explorativ erschließen und ihrerseits entschlüsselt werden
wollen. Die Krisenerfahrungen der Moderne werden in diesen
Filmen zum Ausgangspunkt visueller Odysseen, die das Individuum
- in Abhängigkeit von objektiven Zwängen als auch von
subjektiven Wünschen und Bedürfnissen - in Labyrinthe
diskursiver Selbstreflexivität führen, wobei die filmische
Wahrnehmung als spezifische visuelle Aneignung von Welt und
Identität in ihren existentiellen Geltungsansprüchen und
erkenntnistheoretischen Möglichkeiten herausgefordert wird.
Die Kamera erweist sich als Instrument der Seelenerforschung,
sie zwingt Bilder des Unbewussten - Träumen nicht unähnlich - in
die bewusste Wahrnehmung der Rezipienten. Subjektivität
veräußert sich als filmischer Diskurs, der die elliptische
Struktur, die emotionale Unmittelbarkeit und narrative
Fragmentierung eines stream of (un-)consciousness nicht scheut,
sondern zum poetologischen Prinzip erhebt. Dabei spiegelt sich
der Erfahrungsraum des Subjekts in den ästhetischen
Präsentationsformen des Films wider; in der diskursiven
Entfaltung der Visualität des Films, der hier als historisches
und ästhetisches Phänomen greifbar wird und seine herausragende
Stellung unter den Techniken der visual culture behauptet,
kristallisiert sich die problematische Befindlichkeit des
Subjekts. Umgekehrt stellt die filmische Thematisierung von
Subjektivität, von Erinnerung und Identitätsfindung und
-vergewisserung nicht nur eine Auseinandersetzung mit der
Situation des Menschen in der Moderne dar, sondern wird
gleichsam zur selbstreflexiven Erkundung des Mediums Film und
seiner narrativen Ausrucksmöglichkeiten.
An den Filmen David Lynchs soll gezeigt werden, wie menschliche
Selbst- und Fremdwahrnehmung analog zu kinematographischer
Wahrnehmung und visueller Praxis des narrativen Spielfilms in
traumähnlichen Szenarien gestaltet wird, wobei in Lynchs Werk
eine Radikalisierung der filmischen Aneignung kognitiver und
assoziativer, bewusster und unbewusster Prozesse der
Verarbeitung von elementaren Lebenssituationen oder
Krisenerfahrungen zu verzeichnen ist. |
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CHRISTINE IVANOVIC (Tokyo) |
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Kontakt
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Thema |
Schmerz als
Provokation der Visual Cultur
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Exposé
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Schmerzdarstellungen gehören zum
konstitutiven Bestand jeder Kultur. Im Schmerz fallen
Sinneswahrnehmung und Ausdruck zusammen; das macht ihn
ästhetisch gleichzeitig attraktiv und brisant: denn Schmerz ruft
Bilder
hervor (pro-vokation), Schmerzdarstellungen provozieren
(beunruhigen) aber auch, weil sie nicht nur auf die Grenze des
menschlichen Daseins verweisen, sondern zugleich die Frage nach
der Sinnhaftigkeit jeglicher kultureller Ordnung aufwerfen. Im
physiologischen Sinne hat der Schmerz eine warnende Funktion;
diese Funktion ist gesellschaftlich übernommen worden. Denn in
Literatur und Kunst wird ‚natürlicher' Schmerz (Zahnschmerzen,
Geburtsschmerzen, Unfall oder Verletzung etc.) kaum dargestellt;
in der Mehrzahl handelt es sich um die Darstellung von
Schmerzen, die dem Individuum vorsätzlich durch andere von außen
zugefügt wurde (Bestrafung; Martyrien; Krieg), bzw. um inneren
Schmerz aufgrund äußerer leidvoller Erfahrung (Verlust einer
geliebten Person), z.T. bewußt gesteigert bis zur 'Weltschmerz'-Befindlichkeit
ganzer Generationen oder Epochen. Die ästhetisch vermittelte
Schmerz-Darstellung ist also zumeist eingebunden in ein System
der Rechtfertigung von Schmerz als Strafe (vgl. die Nähe von lat.
poena und dt. Pein) mit dem Ziel der Prävention (also in
apotropäischer Funktion wie im Falle des Laokoon) innerhalb der
gesellschaftlichen Ordnung bzw. ihrer ethisch-moralischen oder
ideologischen Grundlagen. An der Wende vom 18. zum 19.
Jahrhundert initiierte nun die ursprünglich von Winckelmann
ausgegangene und dann von Lessing emphatisch aufgegriffene
Diskussion um die antike Skulpturengruppe des Laokoon einen
ästhetischen Paradigmenwechsel, in welchem das
Konkurrenzverhältnis von bildender Kunst und Literatur
gleichermaßen zur Differenzierung der Positionen der einzelnen
Künste in der ästhetischen Theorie führte, wie Schmerz als
Gegenstand ästhetischer Darstellung in der Folge ein erweitertes
Bedeutungsspektrum entfalten konnte. Nicht nur Lessings in der
Laokoon-Debatte entwickelte Rezeptionstheorie, auch die dabei
stillschweigend vollzogene Emanzipation der Ästhetik des
Schmerzes von der Ikonographie der Passio Christi ermöglichte
neue Akzentuierungen, die gerade im Verlauf des 19. Jahrhunderts
ästhetisch über die Maßen produktiv wurden und weit ins 20.
Jahrhundert hineinwirkten. Gerade die in diesem Jahrhundert
jedoch erfahrene Konfrontation mit einer Leidensrealität in
bisher ungekannten Dimensionen ließ die Ästhetisierung von
Schmerz zweifelhaft werden. Der Unmöglichkeit adäquater
Darstellung des Erlittenen innerhalb einer Kultur der Erinnerung
steht andererseits seit der Zeit der Avantgarde eine
lustbestimmte Evokation des Schmerzes gegenüber, die
insbesondere im Verlauf der Entwicklung der neuen Medien deren
Bilderwelt zu dominierend scheint. Unübersehbar ist (und dies
jenseits der Implikationen der künstlerischen Avantgarde) die
Popularität martialischer Darstellungen in den Bildmedien vom
Comic bis zum Film, von der Aktions- bis zur Videokunst. Dagegen
belegt die erst kürzlich wieder aktuell geführte Diskussion um
die Veröffentlichung von Bildern realen Schmerzes angesichts der
amerikanischen Folterungen irakischer Kriegsgefangener einmal
mehr, wie schmerz-empfindlich die heutige visual culture ist.
Die Auseinandersetzung mit der bildlichen Darstellung des
Schmerzes hat dabei von Anfang an vor allem eines deutlich
gemacht: Schmerz führt die Sprache an die Grenze des Sagbaren;
das Versagen der Sprache im Angesicht des Schmerzes erscheint
gleichwohl als größtmögliche Herausforderung dessen bildliche
Präformationen sprachlich zu transzendieren. Lessings "Laokoon",
Kafkas "In der Strafkolonie" (Schmerz als bewusst exterritorial
gesetztes, auf einen als anders klassifizierten kulturellen
Kontext bezogenes visuelles Ereignis) und Elfriede Jelineks "Die
Klavierspielerin" (mit einem Vergleich von filmtypischen
Schmerzbildern im Roman und dessen Verfilmung) sollen im Vortrag
als Paradigmen herangezogen werden. |
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UWE
LINDEMANN (Bochum) |
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Thema |
Literatur und Warenhauskultur um 1900
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Exposé
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Im Gegensatz zur streng reglementierten
Anzeigenkultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts preist heutige
Werbung nicht mehr nur Produkte oder Dienstleistungen an,
sondern sie versucht auch Lebensstile zu transportieren und zu
kreieren. Dass dies von der Literatur nicht unbemerkt geblieben
ist, verwundert kaum in einem Zeitalter, wo Werbung zu einem
integralen Teil der Alltagskultur geworden ist. Wo wir auch
hinsehen, was wir auch lesen oder hören, Werbung ist
allenthalben und hierbei nicht selten penetrant präsent. Die
Werbeindustrie zählt mittlerweile zu den bedeutendsten
Wirtschaftszweigen der Welt. Monat für Monat erscheinen zahllose
Bücher, die Werbestrategien und Werbekonzepte zu vermitteln
versuchen: von der klassischen Anzeige über effektive
Fernsehwerbung bis zum Guerillamarketing.
Der geplante Vortrag versteht sich als Beitrag zu dem auf der
Tagung anvisierten Themenkomplex "Visualisierungen der ‚Consumer
Culture' und ihre literarische Reflexion". Im Vortrag sollen
anhand prominenter Beispiele aus der englisch-, deutsch- und
französischsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts einerseits
die historischen Kontexte nachgezeichnet werden, in denen
Werbung in Literatur erscheint und reflektiert wird, sowie
andererseits nach den textgenerativen Prozeduren gefragt werden,
mit Hilfe derer eine Implementierung von Markennamen sowie
schriftlichem und visuellem Werbematerial in Literatur, und zwar
zum Teil durchaus im Sinne der Selbstvermarktung, erfolgen kann.
Diese Prozesse sollen nicht allein im Sinne eines erweiterten
Begriffs von Motivgeschichte auf rein deskriptiver Ebene
nachvollzogen werden, sondern es sollen die sozial-, diskurs-
und medienhistorischen Bedingungen mitbedacht werden, unter
denen Literatur im Zeitalter einer primär visuell präsenten ‚Consumer
Culture' agiert. |
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ROGER
LÜDEKE (München) |
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Thema |
Visual
Culture und historische Schwellensituation:
Text-Bild-Beziehungen in William Blakes Zinkätzungen (America.
Europe) |
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Exposé
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Die
Text-Bild-Beziehungen in William Blakes Songs of Innocence and
of Experience erklären sich aus dem sie ermöglichenden
Druckverfahren des Relief-Printing. Diese von Blake im
Zusammenhang der Songs entwickelte Hochdrucktechnik bildet den
Kristallisationspunkt, in dem sich die medien-, denk- und
literaturgeschichtlichen Voraussetzungen seiner poetischen
Praxis paradigmatisch verdichten. So verspricht die gewählte
Untersuchungsperspektive eine funktionsgeschichtliche
Neuorientierung der bis vor kurzem weitgehend deskriptiv
operierenden literaturwissenschaftlichen
Intermedialitätsforschung.
Das zur Blütezeit des Kupferstichs seltsam antiquiert anmutende
Verfahren der Zinkätzung dient Blake als geeignetes Mittel zur
Überwindung einer poetischen Erinnerungsrhetorik in der
Tradition des Klassizismus samt ihrer zentralen Speicher- und
Distributionstechnik, dem Typendruck. Weil der Relief-Druck es
erlaubt, Text und Illustration, Handschrift und Bild
produktionstechnisch als Einheit zu fassen, leistet er
Widerstand gegen die massenmediale Kommerzialisierung der
zeitgenössischen Reproduktionskünste wie auch insgesamt gegen
die Techniken einer gleichförmigen, quantifizierbaren und
wiederholbaren Datensverarbeitung in Zeiten eines allgemeinen
print consciousness (McLuhan). In Übereinstimmung mit jüngeren
medien- und wahrnehmungsgeschichtlichen Studien (Giesecke, Crary)
lässt sich diese medientechnische Beobachtung mit einer
denkgeschichtlichen Fragestellung verbinden. Blakes "Printing in
the infernal method … melting apparent surfaces away, and
displaying the infinite which was hid" richtet sich wesentlich
auch gegen jenen Passagen des Essay on Human Understanding, in
denen Locke am Bild der camera obscura die begrenzte und
geordnete Oberfläche des menschlichen Geists veranschaulicht,
auf der die vielfältigen Sinnesdaten der Wirklichkeit der
vergleichenden Analyse einer vernunftbegabten Urteilskraft zur
Verfügung stehen.
Die Analyse ausgewählter Text-Bild-Beziehungen in den Songs wird
zeigen, dass die komplexe historische Stellung von Blakes
Schreibszene (Campe) mit einem hohen Maß an ästhetisch
produktiven Widersprüchen und Spannungen verbunden ist. In den
intermedialen Beziehungen des Gedichtzyklus kristallisieren sich
die zentralen Strukturprobleme von Blakes historischer
Schwellenposition. Einerseits zielen die
Text-Bild-Konstellationen der Songs auf Entzeitlichung von
Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozessen sowie auf eine nachhaltige
Re-Ontologisierung von Sprache: Bild und Text büßen ihre
Repräsentationsfunktion ein; sie bilden nicht mehr ein
Repertoire von Symbolen für die zeitabhängige Vermittlung von
Dingen und Sachverhalten, sondern haben den Status von
manipulierbaren Gegenständen auf der materiellen Ebene ihrer
räumlichen Manifestationsqualitäten. Wörter und Dinge sind Teil
ein und derselben Wirklichkeitsebene: hier reagieren alle
Erscheinungen aufeinander in Form einer synchronen und
reversiblen Kausalität, die auf einer kosmologischen Affinität
und Harmonie gründet, welche die Ordnung der Welt beherrschen.
Dies hat mit einer verstandesgeleiteten und zeitbestimmten
Inanspruchnahme von Zeichen für die Analyse und Konstitution von
Vorstellungszusammenhängen im Sinne des Empirismus nichts mehr
zu tun; es handelt sich vielmehr um eine kosmologisch gehaltene
Konzeption von Sprache, deren Manipulation auf der Ebene der
materiellen Manifestationsqualitäten ihrer Signifikanten die
Emanation eines göttlichen Referenten erzeugt. Die mit dem "train
of Ideas" verbundenen Zeitprobleme sind im Rahmen dieser
metaphysisch gehaltenen Topologik stillgestellt.
In dem Maße jedoch, wie die Bild- und Textebene der Songs
zugleich die materielle Dimension der Äußerung (énonciation)
gegenüber dem Ausgesagten (énoncé) betont, treten vermehrt auch
die notationstechnischen Aspekte der medialen Realisierung von
Schrift und Zeichnung in den Vordergrund. Die direkte Fixierung
von Schrift und Zeichnung auf der Druckplatte setzt ein "well-rehearsed
repertoire of forms, gestures, and ideas" (Viscomi) voraus, das
bei Bedarf jederzeit abgerufen werden kann: prästrukturierte,
nach bestimmten Ordnungsprinzipien gewonnene und kodifizierte
Wahrnehmungsdaten, die jederzeit wiederholbar für allographe
Operationen zur Verfügung stehen. Auf der Ebene der Gaphie und
Graphik lassen sich so Spannungsverhältnisse beschreiben
zwischen der divinatorischen Semantik der
Text-Bild-Zusammenhänge und der von ihnen inszenierten
Einzigartigkeit des Schreibakts einerseits und den notationalen
Verfahren einer allographen Technisierung von Handschrift und
Zeichnung andererseits. Dies infiltriert die divinatorische
Topologik der Songs mit Komplexionen und Kontingenzen auf der
Ebene der Zeit- und Zeichenordnung, die für jenes typographische
Wahrnehmungsdispositiv kennzeichnend sind, gegen das Blakes
Schreiben sich wesentlich profiliert.
Literatur:
Rüdiger Campe: Die Schreibszene. Schreiben. In: Paradoxien,
Dissonanzen, Zusammenbrüche. Situationen offener Epistemologie.
Hrsg. von Hans Ulrich Gumbrecht und K. Ludwig Pfeiffer.
Frankfurt/M. 1991
Jonathan Crary: Techniques of the Observer. New York, London
1990.
Elena Esposito: Soziales Vergessen. Formen und Medien des
Gedächtnisses der Gesellschaft. Frankfurt/M. 2002
Robert N. Essick: William Blake, Printmaker. Princeton, NJ 1980
Michel Foucault: Les mots et les choses. Paris 1966,
Michael Giesecke: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine
historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations-
und Kommunikationstechnologien. Frankfurt/M. 1991
Marshall McLuhan: The Gutenberg Galaxy. The Making of
Typographic Man. Toronto 1962
W.J.T. Mitchell: Blake's Composite Art. Princeton 1978
Joseph Viscomi: Blake and the Idea of the Book. Princeton, NJ
1993 |
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SABINE
MAINBERGER (Berlin) |
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Thema |
Form als
Tat. Ornament und Macht bei George
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Exposé
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Der folgende Themenvorschlag stammt aus dem
Zusammenhang eines zwischen Literatur-, Kunstwissenschaft und
Ästhetik angelegten Forschungsprojekts mit dem Arbeitstitel
"Konjunkturen der geschwungenen Linie. Stationen einer
Faszinationsgeschichte". Es reicht vom 16. bis zum 20.
Jahrhundert, d.h. etwa von der manieristischen Empfehlung der
figura serpentinata bis zur neobarocken Ästhetik des pli, und
verfolgt die wechselnden Funktionen, semantischen Besetzungen
und Inversionen der 'geschwungenen Linie': Sie wird gefeiert,
perhorresziert, metaphysisch überhöht, mit wissenschaftlicher
Dignität versehen, sie ist Emblem imaginativer Freiheit, Ikone
avanciertester Technik usw. An den ausgewählten einzelnen
'Stationen' stehen Bild und Text jeweils nicht in hierarchischer
Beziehung zueinander. Die 'Konjunkturen' jener Figur haben
vielmehr zu tun mit Umordnungen des ästhetischen Diskurses und
mit Veränderungen des Kunstsystems, die
Subordinationsverhältnisse zwischen den Künsten, Gattungen,
Gegenständen usw. in Bewegung bringen oder sogar auflösen. Die
Figur besetzt dann z.B. - als Metapher, tatsächlicher Graphismus
in einem Text oder beides - Leerstellen der Theorie. Im
historischen Prozeß der Autonomisierung der Kunst insgesamt
sowie der einzelnen Künste und Medien gegeneinander spielen
Randkünste (z.B. Ornament) eine wesentliche Rolle. An ihnen und
anderen Grenzphänomenen wie am Bereich zwischen Schrift und Bild
(z.B. Kritzelei, Typographie) oder an Text-Bild-Hybriden (z.B.
Diagramme) läßt sich aber auch wieder die Interaktion der
Diversifizierten studieren.
Eine 'Station' ist die Zeit um 1900: Bei George und seinem Kreis
gehen "Dichtung" und bildende Kunst vielfältige Beziehungen ein:
Letztere ist Thema der Texte und Reservoir poetologischer
Metaphern. Darüber hinaus gestalten visuelle und performative
Künste Schrift und Buch, Raum und Diktion des Lesens, die
Kommunikation des Kreises, die Person des Meisters usw. Eine
wesentliche bildrhetorische und -propagandistische Rolle spielen
dabei die Fotografien und andere Porträts Georges (z.B.
Profildarstellungen in der Tradition des Herrscherbildnisses).
Auch der scheinbar parodistische Maskenzug hat Identität
stiftende und genealogische Funktion (George als Dante).
Mit Hilfe der verschiedenen Künste findet hier eine Art Invasion
in den Bereich des Paratextuellen und Parergonalen statt, der
das Relais zwischen Werk und Rezeption, Kunst und Gesellschaft
bildet: Die Stilisierungen aller Schwellenorte und -praktiken
sind gewissermaßen der Versuch, die Macht der Form auszudehnen
und die ästhetische zu einer sozialen und politischen zu machen:
Form wird Performanz, der "Dichter" "Täter".
Die medialen Strategien bleiben sich jedoch nicht gleich. So ist
die Prunkausstattung der Gedichtbände nur ein Intermezzo
zwischen Phasen betonter Schlichtheit. Die damals gefeierte,
heute eher befremdende Buchgestaltung wirft Fragen auf: Warum
diese Supplementierung der Texte? Wie verhalten sich die
visuellen Praktiken zur Kreisbildung? Wie wirken Sprachartistik,
eine den Eigenwert des visuellen Mediums akzentuierende
Buchkunst und (Männer-)Gemeinschaft stiftende Rituale zusammen?
Wo brechen die darin implizierten Spannungen auf? Wie wird hier
die Produktion von Bedeutung(en) gesteuert und wie weit läßt sie
sich steuern?
Text, Bild und 'Tat' stehen hier in intrikater Beziehung, aber
eben dies macht Georges Ästhetik in der 'Faszinationsgeschichte
der geschwungenen Linie' zu einer besonderen und für das 20.
Jahrhundert markanten Position: Der im europäischen Fin de
siècle erotisierte, vegetabile Ornamentalismus wird hier
disziplinär, imperativisch und monumental. Das zeigt gerade der
Gebrauch der 'geschwungenen Linie' im visuell-gestalterischen
wie im poetisch-metaphorischen Sinn: Aus dem Paradigma der
Unifizierung im Jugendstil wird die "kahle" Linie eines
gesetzgeberischen Anspruchs qua Form. |
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ULRICH
MEURER (Konstanz) |
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Thema
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1936 ...
Revolution und Faschismus eines Mediums
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Exposé
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In seinem
1936 verfassten kunstsoziologischen Text "Das Kunstwerk im
Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" wirft Walter
Benjamin die Frage nach der reziproken Beziehung zwischen Film
und Gesellschaft auf. Diese liege weniger in der
Instrumentalisierung des Massenmediums durch die Masse als
umgekehrt in den perzeptuellen Vorgaben des Films, der die
Wahrnehmung des Menschen forme; nicht jedoch durch Form oder
narrativen Inhalt, sondern durch sein technisches Verfahren,
durch sein Dispositiv. Benjamin definiert daher die
Kinematographie in mehrerer Hinsicht als ein Phänomen der Masse:
Er eignet sich nicht als Objekt der Kontemplation des einzelnen,
vielmehr bringt er durch die große Zahl der an ihm
Anteilnehmenden eine veränderte Art dieses Anteils hervor. Die
Versenkung ins Kunstwerk - asoziales Verhalten des entarteten
Bürgertums - weicht angesichts des filmischen Mediums der
Ablenkung als einer Spielart des sozialen Verhaltens. Weil der
Film so eine Gesellschaft kreiert, weil er zudem durch seine
Produktionsbedingungen das breite Publikum fordert und
schließlich mittels seines "chirurgischen" Blicks tief in die
Welt eindringt und ihre Mechanismen analysiert, ist ihm trotz
seines Zerstreungsanspruchs eine revolutionäre Funktion nicht
abzusprechen. Andererseits aber zeigt das Medium Film gerade in
seiner Abhängigkeit von Re-präsentation und Öffentlichkeit
seinen Verlust von "Kultwert" und die radikale Zunahme von
"Ausstellungswert". Das macht ihn inhärent zum geeigneten
Werkzeug der Faschismen, die sich um die technische Verbreitung
von Ideologie bemühen - durch die Vervielfältigung der Bilder
ist der Diktator in apparativer und politischer Hinsicht der
Sieger. Der Faschismus setzt den Menschen und die Masse im
maschinell reproduzierten Bild an die Stelle des einstmals
Auratischen, der Film ist ihm Mittel zur Ästhetisierung der
Politik.
Diese beiden Pole des Mediums - der revolutionäre und der
faschistische - können besonders an zwei Filmen abgehandelt
werden, deren Produktion wie die Niederschrift des Benjaminschen
Essays ins Jahr 1936 fällt; Charlie Chaplins Modern Times und
Leni Riefenstahls zweiteiliges Dokumentarwerk über die
Olympischen Spiele in Berlin: Die technische Reproduzierbarkeit
der Kunst ändert deren Verhältnis zur Masse, als soziales
Gegenteil der Kontemplation - so Benjamin - "schlägt es in das
fortschrittlichste, z. B. angesichts eines Chaplin, um". Jene
fortschrittliche Rezeption besitzt ihre Analogie in der
sezierenden Kritik, die Chaplin in Modern Times auf formaler
Ebene übt (als Vertreter der deutschen Linken schreibt Hans
Siemsen bereits 1922 über Chaplin: "Gott segne ihn! Er ist ein
Revolutionär!"). Die andere Seite des Massenmediums äußert sich
derweil in Riefenstahls Bestätigung der These Benjamins vom
Ausdruck der Massen durch den Film, die sich in ihm betrachten
und sich selbst zum kultischen Inhalt der neuen Kunst erklären:
"Die Menschheit, die einst bei Homer ein Schauobjekt für die
Olympischen Götter war, ist es nun für sich selbst geworden." So
lässt sich anhand der Werke Chaplins und Riefenstahls eben die
Dialektik veranschaulichen, die das filmische Medium bestimmt:
die proletarische Strategie und gleichzeitige faschistische
Ästhetik im bewegten Bild.
Die fraglos visuell dominierte Gegenwart macht nun eine
Überprüfung dieser These Walter Benjamins notwendig: Nicht
mittels einer Analyse der genannten Filme, sondern durch deren
Allegorisierung als inhärente Chaplin- beziehungsweise
Riefenstahl-Funktion soll nach dem "politischen Genmaterial" des
Mediums gefragt werden.
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CHRISTIAN
MOSER (Bonn) |
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Thema
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Techniken
der Visualisierung in der englischen Großstadtliteratur des 19.
Jahrhunderts
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Exposé
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Die
Autobiographical Sketches des englischen Schriftstellers Thomas
de Quincey enthalten ein Kapitel mit dem Titel "The Nation of
London", in welchem der Erzähler von seinem ersten Aufenthalt in
der Metropole London berichtet. De Quincey nimmt dies zum Anlaß,
die Frage nach der literarischen Darstellbarkeit der modernen
Großstadt aufzuwerfen. Es gebe zwei verschiedene Formen der
Visualisierung, an denen sich Schriftsteller in seinem Bemühen
orientieren könne, die urbane Wirklichkeit zu repräsentieren:
das Gemälde ("picture") und die Karte ("map"). De Quincey
scheint dem Paradigma des Gemäldes den Vorzug zugeben. Nur der
Maler, so argumentiert er, sei dazu in der Lage, die Perspektive
des wahrnehmenden Individuums wiederzugeben und den Eindruck des
Erhabenen zu vermitteln, den die gewaltige Metropole auf den
Betrachter ausübe. Die Tätigkeit des Kartographen dagegen beruhe
zwar auf exakter mathematischer Berechnung, ihr Resultat stehe
gleichwohl in einem grotesken Mißverhältnis zu dem abgebildeten
Gegenstand. Dieser negativen Einschätzung der Kartographie
widerspricht allerdings de Quinceys eigene literarische Praxis.
In seinen Confessions of an English Opium-Eater etwa vergleicht
er den berauschten Wanderer durch das nächtliche London mit
einem Entdecker, der sich in unerforschte Regionen vorwagt und
diese kartographisch erfaßt. In den Autobiographical Sketches
schildert er die vergebliche Suche des Protagonisten nach dem
eigentlichen Zentrum der Metropole. London wird dezentriert; die
herkömmliche Topographie der Stadt wird aus den Angeln gehoben.
De Quincey betreibt eine subversive Form des "mapping".
In meinem Beitrag möchte ich die von de Quincey getroffene
Unterscheidung zwischen "picturing" und "mapping" aufgreifen und
darlegen, daß es sich dabei um zwei grundsätzliche Formen der
Visualisierung handelt, denen in der englischen
Großstadtliteratur des 19. Jahrhunderts spezifische
Darstellungsverfahren korrespondieren. Meine Untersuchung wird
sich auf den Übergang von der Romantik zum viktorianischen
Zeitalter konzentrieren. Das hat den Vorteil, daß einerseits die
bis ins 18. Jahrhundert zurückreichenden historischen Wurzeln
der Visualierungsformen in den Blick gelangen können,
andererseits aber auch ihre enge Verbindung zu den
technologischen Innovationen des 19. Jahrhunderts, insbesondere
im Bereich der optischen Medien. 1] So hat die Verfahrensweise
des "picturing" ihre Ursprünge in der Landschaftsmalerei und
Landschaftsdichtung des 18. Jahrhunderts wie auch in der
ästhetischen Diskussion über die Kategorien des Erhabenen und
des Pittoresken (Burke, Uvedall Price). Romantische Autoren
unternehmen den Versuch, diese Kategorien aus dem Bereich der
Naturdarstellung in die urbane Sphäre zu übertragen, orientieren
sich dabei aber zugleich an neuen visuellen
Repräsentationsformen (Panorama, Diorama), freilich ohne deren
innovatives Potential ganz auszuschöpfen. In seinen wichtigsten
Erscheinungsformen - der panoramatischen Stadtansicht und der
Portraitskizze typischer Stadtbewohner - bleibt das literarische
"picturing" den Prinzipien der ‚Rahmenschau' verpflichtet.
Auch die Verfahrensweise des "mapping" hat Vorläufer im 18.
Jahrhundert. Sie sind vor allem in der "inscription poetry" und
der topographischen Dichtung der Vorromantiker zu suchen, die
darauf abzielt, den "genius loci" eines bestimmten Orts oder
Gebäudes zum Sprechen zu bringen. 2] Anders als das "picturing"
ist das "mapping" von vorneherein an den bebauten und
kultivierten Raum gekoppelt - es begreift den Raum nicht als
etwas naturhaft Gegebenes, sondern als ein kulturelles
Konstrukt. 3] Damit verbunden ist ein stark ausgeprägtes
politisches Bewußtsein. Das zeigt sich bereits in einem der
frühesten Beispiele für das urbane "mapping", in William Blakes
"London"-Gedicht aus den Songs of Experience. Mit dem Hinweis
auf die "chartered streets" der Metropole evoziert Blake einen
‚offiziellen' Stadtplan, welchem er eine alternative Topographie
entgegenstellt, indem er unsichtbare Verbindungen zwischen
scheinbar heterogenen Orten sichtbar macht - etwa zwischen dem
Schlachtfeld und dem königlichen Palast oder den Kaminen der
Wohnhäuser und der Kirche. Das "mapping" rearrangiert die Orte
im städtischen Raum. Es wendet sich den marginalen, vergessenen
und verborgenen Lokalitäten zu und bringt sie zum Sprechen. Es
entziffert die Einschreibungen, die die Stadt als kulturell und
politisch markierte Raumstruktur konstituieren.
Ich beabsichtige, das spannungsreiche Wechselverhältnis von "picturing"
und "mapping" in Großstadttexten von Thomas de Quincey, Charles
Lamb, Pierce Egan und Charles Dickens zu analysieren. Meine
Studie beschränkt sich aber nicht auf die historische Analyse,
sie soll darüber hinaus erkunden, wie die Beziehungen beschaffen
sind, die zwischen dem "pictorial turn" der Kulturwissenschaften
und dem neuerdings postulierten "topographical turn" bestehen.
4]
1] Vgl.
Jonathan Crary: Techniques of the Observer: On Vision and
Modernity in the Nineteenth Century, Cambridge/MA 1992; Carol T.
Christ / John O. Jordan (eds.): Victorian Literature and the
Victorian Visual Imagination, Berkeley and Los Angeles 1995
2] Vgl. Geoffrey Hartman: Romantic Poetry and the Genius Loci,
in: ders.: Beyond Formalism. Literary Essays 1958-1970, New
Haven and London 1971, S. 311-336.
3] Zum Konstruktcharakter des Raums vgl. die klassische Studie
von Henri Lefebvre: La production de l'espace, Paris 1974.
4] Vgl. Sigrid Weigel: Zum ‚topographical turn'. Kartographie,
Topographie und Raumkonzepte in den Kulturwissenschaften, in:
KulturPoetik 2 (2002), S. 151-165.
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WERNER
NELL |
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Thema
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Das
Erscheinen der Dinge im Wort.' Phänomenologie und Visualisierung
bei V. Nabokov, Alain-Fournier und A. Stasiuk
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Exposé
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Ausgehend
von einigen poetologischen Bemerkungen und Motiven aus den
Erzählungen Vladimir Nabokovs werden zunächst Möglichkeiten der
Verknüpfung von phänomenologischer und poetischer Konstitution
der Dinge zur Sichtbarmachung von Welterfahrungen in
literarischen Texten vorstellt. In der Beschäftigung mit
Alain-Fourniers "Le Grand Meaulnes" (1913) und verschiedenen
Prosatexten Andrzej Stasiuks werden dann ideologische und
kritisch-reflexive Inszenierungen von Licht und Sichtbarkeit
gegeneinander abgesetzt und im Hinblick auf die Chancen einer
Repräsentation von Transzendenz- bzw. Entgrenzungserfahrungen
diskutiert. |
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MARIA
OIKONOMOU (München) |
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Thema
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Metakropolis. Der Parthenonfelsen als ideologische Ikone
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Exposé
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Die Athener
Akropolis dient ausnahmslos als Projektionsfläche; auf ihr
schreiben sich seit langem abstrakte und geistige Konzepte ein
und unterwerfen so die konkrete Architektur einem wuchernden
Prozess der "Veranschaulichung" und Inbesitznahme, der den Bau
zum Bild und zum Behälter eines kulturellen Inhalts erklärt.
Seit der klassizistischen Überhöhung im Sinne des
Philhellenismus des frühen 19. Jahrhunderts, der sein Analogon
in der inneren Formulierung einer nationalen griechischen
Identität und ihres kollektiven Gedächtnisses findet, und seit
die Akropolis - über ihre Historizität hinaus - als Paradigma
der geometrisch-perspektivischen Wahrnehmung gilt, tritt sie
unwiderruflich hinter ihre eigenen Ikonen zurück: Die physische
Realität des Baukomplexes löst sich in dessen immer neuer
Ideologisierung auf. Was bleibt, ist das Simulakrum, die Kopie
ohne Original (es steht zu erwarten, dass diese Politik der
Visualisierung im Olympischen Jahr 2004 eine neue Ausprägung,
einen weiteren Schritt im Entzug des Eigentlichen markieren
wird).
Der Beitrag untersucht anhand ausgewählter literarischer
Beispiele - etwa der Romane von Giorgos Seferis (Sechs Nächte
auf der Akropolis) oder Don DeLillo (The Names) - exemplarisch
die Strategien der Ikonisierung im einzelnen Sprachbild und
ebenso in der Makrostruktur der Texte. Darüber hinaus widmet er
sich filmischen Werken, etwa dem propagandistischen Unterfangen,
das sich in Leni Riefenstahls Bildern der antiken Tempelanlage
in Fest der Schönheit (1936) manifestiert, dem
Unterhaltungskino, das die Akropolis als einen "Mythos des
Alltags" zum Zeichen einer Epoche oder geistigen Befindlichkeit
macht, oder auch Eva Stefanis experimenteller Dokumentation
Acropolis (2001), die den Erinnerungsgehalt, die politische
Stellung und die "Sinnlichkeit" des konkreten Gebäudes polemisch
mit der pornographischen Ausbeutung des weiblichen Körpers und
seiner Geschichte konfrontiert und beides in ein
Analogieverhältnis setzt. Und schließlich trägt auch die
alltagsbildliche Praxis, die sich in städteplanerischen und
touristischen Inszenierungen äußert, zur Produktion der
Akropolis als Bild bei. Jene Medialisierungen werden auf ihren
ideologischen, autoreflexiven und kritischen Gehalt hin geprüft,
um sowohl die Mechanismen als auch die Ziele der Visualisierung
zu verdeutlichen, die ununterbrochen an der Verwandlung der
Akropolis in eine ideologisch erzeugte Meta-Architektur, in eine
"Metakropolis", arbeiten.
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CLAUDIA OLK
(Berlin) |
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Thema
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The veil of
words" - die Poetik des Diaphanen im Werk Virginia Woolfs
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Exposé
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Der
Schleier markiert traditionell eine Grenze der Wahrnehmung, 1]
vermittelt zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Präsenz und
Absenz und eröffnet einen "Raum für die Projektion des
Imaginären". 2] Im Rahmen einer zugrunde liegenden Rhetorik der
Ver-borgenheit und Offenbarung beschreibt er in der Darstellung
religiöser, erotischer und ästhetischer Erfahrung nicht nur
einen Wahrnehmungsmodus, sondern liefert gleichzeitig ein Bild
für die Erfahrung des Imaginären, 3] das die Wahrnehmung
strukturiert.
Im theoretischen wie literarischen Werk Virginia Woolfs
bezeichnet der Schleier eine Anschauungsform, die in ihrer
reflexiven Integration lebensweltlicher und ästhetischer
Erfahrung eine spezifisch modernistische Darstellungsweise des
Intermediären bedingt. 4] Als zentrales Wahrnehmungsparadigma
bildet die Figur des Diaphanen im Romanwerk Woolfs überdies ein
textuelles Verfahren der Visualisierung, das in einem
Wechselspiel von Unmittelbarkeit und Vermitteltheit ästhetischer
Erfahrung steht. So konstituiert der 'Schleier der Worte' nicht
nur den ästhetischen Gegenstand, sondern markiert zugleich
dessen Unverfügbarkeit.
In ihren theoretischen Schriften, auf die im ersten Teil des
Vortrags eingegangen werden soll, betrachtet Woolf den Schleier
als literarästhetische Kategorie ("the veil of fiction" (CDB,
44)) und beschreibt in ihrem programmatischen Essay "Modern
Fiction" das Leben selbst als "a luminous halo, a
semi-transparent envelope" (CE II, 106).
Woolfs Begriff des Diaphanen, so soll weiterhin gezeigt werden,
steht in der empiriekritischen Tradition Walter Paters, die
letztlich ihre Ursprünge im platonistischen Denken hat und
insbesondere in Verbindung mit Woolfs neuplatonischer
Lichtmetaphorik sowie ihrer narrativen Realisierung der Idee der
Transparenz in Erscheinung tritt.
Eine Untersuchung der Schleiermetaphorik in Woolfs Romanen soll
neben ihrer Betrachtung der symbolischen Materialität des
Schleiers seine Funktion als Attribut ihrer Künstler-figuren, 4]
wie auch ihrer weibliche Hauptfiguren 5] herausstellen. Ein
abschließender Teil untersucht die Rolle des Schleiers als
Paradigma künstlerischer Wahrnehmung wie es z.B. in den Urszenen
ästhetischer Produktion in The Waves geschildert wird, in denen
der Blick des Kindes mit dem des Dichters konvergiert. Über den
begrenzten Spielraum des Begriffs hinaus impliziert das Diaphane
in Woolfs modernistischen Texten eine untergründige Schicht
bildlichen Denkens, die als präsystematische Metaphorik in die
Leitfragen einer Theorie zur 'visual culture' eingehen kann.
1] Dieser
Leitgedanke der Schleiermetaphorik manifestiert sich
insbesondere in den grundlegenden Forschungsarbeiten Aleida und
Jan Assmanns. Dies. Schleier und Schwelle I-III (München: Fink,
1997-1999).
2] Patricia Oster, "Der Schleier zwischen religiöser und
ästhetischer Erfahrung", Schleier und Schwelle. Geheimnis und
Offenbarung II, hrsg. von Aleida and Jan Assmann in Verbindung
mit Theo Sundermeier (München: Fink, 1998), 233-252; 237.
3] Patricia Oster, Der Schleier im Text. Funktionsgeschichte
eines Bildes für die neuzeitliche Erfahrung des Imaginären
(München: Fink, 2002). Klaus Krüger. Das Bild als Schleier des
Unsichtbaren ästhetischer Illusion in der Kunst der frühen
Neuzeit in Italien (München: Fink, 2001).
4] So intensiv die kunsthistorische und insbesondere die
romanistische Forschung den Bedeutungsspielraum des Schleiers
untersucht hat, so ist die ästhetische Umbesetzung des Diaphanen
in der englischen Moderne, speziell bei Virginia Woolf, noch
nicht beachtet worden.
5] Siehe z.B. die Dichterfigur "Bernard" in The Waves: "My mind
hums hither and thither with its veil of words for everything."
(W, 76).
6] So z. B. Clarissa Dalloway in Mrs. Dalloway und Mrs. Ramsay
in To the Lighthouse. |
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VOLKER
PANTENBURG (Münster) |
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Thema
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Dispositive
des Visuellen in Gustave Flauberts "La Tentation des saint
Antoine" |
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Exposé
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Gustave
Flauberts Text "La Tentation de saint Antoine" - vom Autor
geliebt, von der Kritik und den Lesern zugunsten seiner leichter
zugänglichen, 'realistischen' Romane bestenfalls ignoriert 1] -
ist ein Kompendium der Möglichkeiten, Sichtbarkeit und
Visualität textuell zu erzeugen. Mit dem heiligen Antonius
stellt Flaubert zwar einen Leser ins Zentrum seines Textes, aber
dieser Leser ist zugleich auf radikale Weise ein
modern-vereinzelter "Observer" der auf ihn einströmenden
sinnlichen und intellektuellen Visionen. Entwickelt der Text
einerseits ein Höchstmass an phantastischer Bildlichkeit, indem
er den überforderten Eremiten (wie den Leser der Tentation)
schier endlosen visuellen Metamorphosen aussetzt, beruhen diese
sprachlichen Exzesse vor allem auf Flauberts präziser Kenntnis
der zeitgenössischen religiösen und mythologischen Ikonographie.
Die phantasmagorische, zu einem Höchstmaß verdichtete Abfolge
von Visionen, denen der Heilige Antonius im Laufe einer Nacht
unterliegt, verdankt sich, wie Michel Foucault bemerkt hat,
weniger dem romantischen Gedanken einer unmittelbaren Anschauung
als der mehrfach vermittelten Welt der Bücher und
Reproduktionen. Bildlichkeit entsteht aus Wissen - "La vraie
image est connaissance" . 2]
Allerdings, so die These, umfasst diese "connaissance" zugleich
die technischen Dispositive des Sehens in der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts. Es lässt sich zeigen, dass Flauberts Text,
dessen erste Fassung aus dem Jahre 1849 stammt, teilhat an der "Subjektivierung
des Sehens", die Jonathan Crary für die Jahrzehnte vor der
Erfindung der Fotografie beschrieben hat. 3] Seine Untersuchung
der "Befreiung" des Sehens im frühen 19. Jahrhundert bietet die
Gelegenheit, inhaltlich-formale Bewegungen in Flauberts Text neu
zu perspektivieren und auf Crarys Thesen zu beziehen. Die
Nivellierung religiöser Werte und Bilder etwa, die Flauberts
Text in quälerischer Ausführlichkeit darstellt, wird dann als
Voraussetzung ebenso wie als Effekt der Subjektivierung des
Betrachters sichtbar, der in (und mit) Flauberts Text einer
Inflation von gleichwertigen Bildern gegenübersteht.
In der Art und Weise, Bilder zugleich festhalten als auch in
Bewegung bringen zu wollen, steht der Text darüber hinaus
mediengeschichtlich zwischen Fotografie und Kino. Flaubert
entwickelt die Utopie eines Bewegungsbildes, das den Zuschauer
ganz umfangen könnte und die "Tentation" ist daher -
anachronistisch genug - auch als vorweggenommene Allegorie auf
die Phantasmen und Visionen des Kinos zu lesen. Eine solche
Lektüre ist nicht nur in der Lage, einen großen Teil der
Verurteilungen zu erklären, denen sich der Text seit seiner
Publikation 1874 immer wieder ausgesetzt sah, wenn er wahlweise
als zu romantisch maßlos, zu wissenschaftlich exakt oder zu
pathologisch qualifiziert wurde. Sie soll den Text vor allem als
Beitrag zu den wahrnehmungs- und mediengeschichtlichen
Verschiebungen des 19. Jahrhunderts neu bewerten.
1] Maxime
Du Camps vernichtender Ratschlag nach Flauberts mehrtägiger
Lesung der ersten Fassung 1849, er solle den Text ins Feuer
werfen und nie wieder daran denken, setzte den Maßstab für alle
weiteren Ablehnungen des Texts.
2] Michel Foucault: La bibliothèque fantastique, in: Gérard
Genette / Tzvetan Todorov (Hg.): Travail de Flaubert, Paris
1983, S. 103 - 122: 106 (Erstveröffentlichung im März 1967 in
den Cahiers Renaud-Barrault).
3] Vgl. Jonathan Crary: Techniken des Betrachters, Sehen und
Moderne im 19. Jahrhundert, aus dem Amerikanischen von Anne
Vonderstein, Dresden: Verlag der Kunst 1996.
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JÜRGEN
SÖRING (Neuchâtel/CH) |
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Thema
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Visual
Culture und Wort-Kunst. Zur Methode poetischer
Transfiguration
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Exposé
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Was heisst
das eigentlich, wenn Walter Benjamin in seinem Passagen-Werk
beteuert: "Ich habe nichts zu sagen, nur zu zeigen", oder Brecht
in seiner Rolle als 'Stückschreiber' bekennt: "Ich zeige/Was ich
gesehen habe", nachdem Rilke bereits die "Rettung des
Sichtbaren" in der Poesie allein durch eine "Verwandlung ins
Unsichtbare" für möglich gehalten hat? Was heisst es, wenn
Sagen, das ja - etymologisch durchleuchtet - 'im Vorzeigen sehen
lassen' meint, in Wahrheit und zumal dann, wenn es in Lettern
fixiert, also Literatur oder 'Schrift' geworden ist, gerade "die
Sachlage des Fehlens deutet" (Botho Strauss), mithin 'présence
absente' nicht bloss des Gesehenen, sondern alles sinnlich
unmittelbar Wahrgenommenen ist?
Mein Beitrag wird versuchen, im Ausgang von Hegels Vorlesungen
über die Ästhetik eine theoretische Abklärung des
Visualitäts-Konzepts in der Dichtung vorzunehmen, und zwar in
der - vom 'call for papers' vorgezeichneten - Absicht zu
'zeigen' (!), dass und wie sich die 'poiesis' von 'Bildern' in
der Dichtung durch einen "acte transformatif" (Rilke) selber (im
hegelschen Sinne) aufhebt. Illustrieren möchte ich diesen
Prozess der "transmutation" (Rilke) in einen 'anderen Zustand'
von 'Medialität' am Beispiel von (autoreferentiellen)
Verwandlungs-Mythen Ovids, die - keineswegs unversehens -
Rubens, Bosch und Malewitsch, aber auch Bach, Brahms und
Schiller ins Spiel bringen, dessen Tod sich übrigens am 9. Mai
2005 zum 200. Male jährt!
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SUSANNE
STEMMLER (Bremen) |
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Thema
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Sehen als
Berühren. Wider die Unmittelbarkeit des Visuellen
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Exposé
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Eine
Analyse visueller Kultur kann sich nicht allein auf visuelle
Begriffe stützen - Sehen überschneidet sich mit anderen Sinnen
wie Hören oder Tasten. Ihr Zusammenspiel macht unsere
Wahrnehmung aus und ruft Aufmerksamkeit hervor. Damit stellt
sich auch die Frage nach den Subjekten und Objekten des Sehens
und ihren Verhältnissen. Der französische Philosoph Maurice
Merleau-Ponty knüpft an Konzeptionen visueller Erfahrung als
Tastsinn an: Das Sichtbare ist für ihn eingebettet in das
Berührbare, im Sehen tasten wir die Dinge ab und umhüllen sie
mit unserem Blick. Sehender und Sichtbares sind chiastisch
verschränkt. Sehen ist damit verkörpertes Sehen, welches
Subjekte und Objekte miteinander verknüpft im "Fleisch der Welt"
- eine Textur, eine Mittelbarkeit, ein Zwischenraum, eine
Medialität? Die Haut als Kontaktfläche wird in einem
solchermaßen konzipierten Sehen zu einem zentralen Begriff: sie
ist eine gemeinsame Grenze (Michel Serres), bietet Übergänge
zwischen Innen nach Außen, Ich und Welt. Somit kann es eine
Unmittelbarkeit oder eine Unverschleiertheit des Visuellen kaum
geben: Sehen vollzieht sich nicht als Sehen eines Objektes durch
ein Subjekt in einem homogenen, geometrischen Raum. Vielmehr
sind beide ineinander verschlungen, gehören demselben
anthropologischen Raum an, der im performativen Akt des Blicks
entsteht. Somit gibt es auch einen ‚Blick der Dinge', der den
Betrachtenden punktiert, ihn wie ein Strahl trifft und ein Mal
hinterlassen kann. Roland Barthes beschreibt mit dem taktilen
Begriff des punctums die visuelle Wirkung von Fotografien. Die
im punctum zum Ausdruck kommende Widerständigkeit führt zu einer
Poetik des Visuellen, die für den literarischen Text fruchtbar
gemacht werden kann.
Der theoretisch ausgerichtete Beitrag möchte fragen, was die
hier kurz umrissenen Überlegungen aus der späten Phänomenologie
Merleau-Pontys für das Forschungsfeld der Visual Culture und
insbesondere für die Frage der Unmittelbarkeit des Visuellen zu
leisten vermag. Exemplarisch soll das an der Metapher des
Schleiers (mit Bild- und Textmaterial) deutlich gemacht werden:
Das Spiel von Ver- und Enthüllen verweist auf die Mittelbarkeit
des Blicks und lässt an die Stelle des Sichtbaren die
Materialität des Schleiers treten. Er kann mit Merleau-Ponty als
Bedingung für die Wahrnehmung gelten und ist dabei immer auch
Metapher des Textuellen.
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INES
THEILEN (Potsdam) |
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Thema
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Das
Geräusch von Wasser auf Stein malen - zu Synästhesie und
visueller Wahrnehmung in Richard Flanagans Gould's book of fish
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Exposé
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"They say
the storyteller is the man who would let the wick of his life be
consumed by the flame of his story. But like Trim Shandy I shall
confine myself to no man's rule. Next to my paintings I intend
to make a bonfire of words, say anything if it illuminates a
paltry moment of truth in my poor pictures." 1] (Richad
Flanagan: Gould's book of fish. New York: Grove Press, 2002;
p.91)
Mit diesen Worten beschreibt William Buelow Gould,
Strafgefangener auf der Gefängnisinsel Sarah Island vor der
Küste Tasmaniens, Erzähler und Maler sein Projekt: das Buch der
Fische. Ein Dokument der wahren Begebenheiten soll es werden, in
dem sich Bild und Text gegenseitig beleuchten, um historische
Wahrheit ans Licht zu bringen. Dazu zeichnet Gould Fische, zwölf
sind es im Roman, die als prächtige Zeichnungen die einzelnen
Kapitel einleiten.
Der Roman thematisiert im Buch der Fische des Malers Gould den
alten Wettstreit zwischen den Künsten Malerei und Poesie, der
seit Lessings Laokoon unzählige Male ausgetragen wurde.
Allerdings, so meine Hypothese, geht es in Flanagans Roman nicht
um Sieg oder Niederlage einer der beiden Repräsentationsformen
oder, wie bei Lessing, um ihre gegenseitige Abgrenzung. Der Text
führt im Gegenteil vor, wie die Grenzen zwischen Bild und Text
mit jedem Fisch mehr und mehr verschwimmen. Mit dieser
Grenzaufweichung, so meine Hypothese, geht ein verändertes
Konzept der visuellen Wahrnehmung einher. In diesem Roman wird
keine "Ästhetik der Reinigung" 2] verfolgt. Seine
Visualisierungsstrategien auf inhaltlicher Ebene sind an Goulds
Lebensgeschichte gebunden und die Produkte des
Visualisierungsprozesses stark kontextualisiert. Bildende Kunst
verfolgt im Roman damit den gleichen Zweck wie Literatur,
Speicher von Lebenswissen 3] zu sein. Es zeichnet sich eine
literarische Tendenz zur Kontextualisierung von Visualität und
zur Synästhesie ab.
Diesen Hypothesen möchte ich nachgehen, indem ich das Verhältnis
von Bild und Text auf drei Ebenen untersuche: der formalen oder
narrativen Ebene, der Figurenebene sowie der paratextuellen
Ebene.
Auf der formalen Ebene möchte ich untersuchen, wie das Mittel
der Ekphrasis - ich verstehe selbige mit Thomas Anthony
Heffernan als "the verbal representation of visual
representation" - im Roman eingesetzt wird. Diesbezüglich möchte
ich die Frage stellen, ob die Passagen der Bildbeschreibung
innerhalb des Textes überhaupt unter den Begriff der Ekphrasis
gefaßt werden können, oder ob sie nicht auf Grund ihrer
Interaktion mit den Illustrationen des Romans bereits darüber
hinaus gehen.
Auf der Figurenebene möchte ich mir ansehen wie die Romanfigur
Gould über Visualisierung, d.h., das eigene künstlerische
Schaffen reflektiert.
Das Verhältnis von Textgestaltung und Textinhalt werde ich auf
der paratextuellen Ebene thematisieren.
Indem ich die Verflechtungen der verschiedenen Ebenen offen
lege, hoffe ich, das textinterne Modell der visuellen
Wahrnehmung deutlich machen und meine Hypothese der Tendenz zur
synästhetischen Wahrnehmung bestätigen zu können. Ich möchte
Gould ernst nehmen, wenn er in Aussicht stellt:
[...] I
mean to paint for you as best I can, which is but poorly, which
is but a rude man's art, the sound of water on stone, the fool's
dream of the hard giving way to the soft, & I hope you will come
to see reflected in my translucent watercolours not patches of
white cartridge paper beneath, but the very opacity of the souls
themselves." 4] (Richad Flanagan: Goud's book of fish. New York:
Grove Press, 2002; p.91/92.)
1] Ein
Geschichtenerzähler, heißt es, ist einer, der den Docht seines
Lebens von der Flamme seiner Geschichten aufzehren läßt. Aber
wie der gute alte Trim Shandy bin ich entschlossen, mich nicht
nach den Regeln irgendeines anderen zu richten. Neben meinen
Bildern will ich ein Freudenfeuer aus Wörtern machen, alles
sagen, wenn nur sein Licht in meinen ärmlichen Bildern das ein
oder andere Körnchen Wahrheit sichtbar macht." (Richard
Flanagan: Goud's Buch der Fische. Berlin: Berlin Verlag, 2002;
S.113/114.)
2] Gottfried Boehm (1995); S.28
3] Vgl. zum Begriff des Lebenswissens in Verbindung zur
Literatur Ottmar Ette: ÜberLebenswissen. Die Aufgabe der
Philologie. Berlin, 2004.
4] "[...] und ich möchte ihnen, so gut ich kann - und das ist
sicher kläglich, die Kunst, deren ein grober Klotz eben fähig
ist - , das Geräusch von Wasser auf Stein malen, den Traum eines
Narren davon, daß das Harte nachgibt und weich wird, und ich
hoffe, sie werden in meinen durchscheinenden Wasserfarben nicht
Flecken von weißem Papier blinken sehen, sondern die
Undurchsichtigkeit der Seelen." (Richard Flanagan: Goud's Buch
der Fische. Berlin: Berlin Verlag, 2002; S.114.)
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