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"Komparatistik
als Arbeit am Mythos"
XII. Tagung der DGAVL in Jena vom 22. Mai - 25. Mai 2002
Senatssaal des Universitätsgebäudes, Fürstengraben 1
Exposés
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Harald Bost, Saarbrücken |
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HaraldBost@aol.com |
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Thema
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Die Unvermeidbarkeit des Mythos
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Exposé |
"Was
war, wird wieder sein; was geschah wird wieder geschehen, und
nichts Neues gibt es unter der Sonne." (Kohelet 1.9) "Das
Menschenleben verläuft nach abgebrauchten Mustern, ist aber nur
in Worten alt und hergebracht, an und für sich ist’s immer neu
und jung." (Thomas Mann: Der Erwählte)
Arbeit am Mythus ist für den
Literaturwissenschaftler Arbeit an der Arbeit am Mythus. Den
Mythus und seine Bearbeitung bewerkstelligt die Kunst. Wie sie
das macht, untersucht die Kunst- und Literaturwissenschaft.
Struktur und Inhalt des Mythus stehen fest
und sind definiert. Der Mythus ist der Versuch, das Wesen der
Existenz von ihrem Ursprung her beispielhaft zu erklären. Seine
Geschichten aus der Vorzeit enthalten "gewissermaßen die Urtypen
aller Dinge und Verhältnisse" (Schopenhauer). Die Mythologie ist
die "Formenlehre" dieser "Urtypen", die adaptiert, variiert,
kompiliert werden. Die Aufgabe des Literaturwissenschaftlers
sehe ich darin, den Mythus zu kennen und in seiner Neuverwendung
und Neubearbeitung wiederzuentdecken. Insofern bedeutet
Literaturwissenschaft Kennerschaft, Literaturkunde. Sie beruht
auf der Erkenntnis innerliterarischer Bezüge, der Literatur als
Spiel, als Zeichensystem.
Das Zeichen hat Verweischarakter. Verweist es
auf sich selbst, dann ist es innerhalb eines geschlossenen
Systems aus sich selbst heraus zu deuten mit der Gefahr des
hermeneutischen Zirkels. Verweist es auf etwas außerhalb seiner
selbst, dann stellt sich die Frage nach dem heuristischen Wert
mythologischen, fiktiven Darstellens. Literaturwissenschaft
definiert sich dann als Wissenschaft im Sinne von
Kategorisierung, Erkenntnis von Regelsystemen, Rückführung
einzelner Erscheinungen auf allgemeine Gesetze oder besser:
Strukturen. Bei den "concepts", die Barthes in Mythologies,
Mythen des Alltags, verwendet, handelt es sich um
Abstrakta, die Schopenhauers "Urtypen" oder Cassirers "Formen"
sehr verwandt sind und von einem dem Mythischen
entgegengesetzten Standpunkt der Rationalität im Alltag als
Handlungsmuster wiedererkennen.
Mythus ist eine erkenntnistheoretische
Hilfskonstruktion vom Gang der Geschichte (Blumenberg). Ihren
Anfang erzählt der Anfangsmythus. Hesiod, Ovid, die Bibel gehen
vom gleichen Anfang, dem Chaos, aus. Für Eliade ist jeder Mythus
Schöpfungsmythus. Doch ist der Mythus vom Anfang der Anfang des
Mythus? Sind wir am Anfang, wenn wir mit der Geschichte vom
Anfang beginnen? Und ist nicht der Anfang selbst bereits Mythus,
eine Geschichte, die etwas erzählt, was es nicht gibt?
Bei Auerbach (Mimesis) setzt
Geschichtsbewußtsein, d.h. der Anfang der Geschichte zu einem
anderen Zeitpunkt als bei Snell (Die Entdeckung des
Geistes).
Die Festlegung eines Anfangs oder des
Bewußtseins eines Anfangs ist eine epistemologische
Hilfskonstruktion. Mit dem Bemühen um den Ursprung sieht
Cassirer (Wesen und Wirkung des Symbolbegriffs) den
Mythenforscher "nicht mehr auf dem Boden der Geschichte, sondern
auf dem der Phänomenologie des Geistes." (91) Die klassische
Metapher der Unmöglichkeit an den Anfang zu kommen und den
Anfang als Mythos zu entlarven, bildet Th. Manns
Dünenwanderung und Brunnensturz im "Vorspiel" zum Josephsroman:
"So gibt es Anfänge bedingter Art" d.h. aber den Anfang
schlechthin gibt es gar nicht! Es gibt nur einen beständigen
Neuanfang, der sich der immer gleichen Formel vom Anfang
bedient. Der Anfang selbst ist Mythos, zu verschiedenen Zeiten
in verschiedenen Versionen erzählt.
Auf die Gefahr bei der Erklärung des Mythos
selbst wieder zu mythologisieren hat Blumenberg mit Schelling
hingewiesen. Wenn man den Mythos wie Ranke-Graves als Gestaltung
eines geschichtlichen sozialen Wandels begreift oder als
Gestaltung der Ablösung des Mutterrechts wie Bachofen ließe sich
fragen, ob es eine Gesellschaft mit Mutterrecht überhaupt gab.
Vielleicht ja, auch das Paradies? Man findet es auf Landkarten
bis ins 12. Jh.
Auf die Frage, wie weit in die Vorzeit der
Mythos vom Anfang vorgeschoben werden kann, folgt diejenige,
wieweit er in die Zeit hineinreicht. Wann ist der Mythos vom
Anfang zu Ende? Wann geht die ewige Gegenwart in das Bewußtsein
einer ablaufenden Geschichte über? Schon bei Homer? (Snell 142
f.) Bei Herodot (148)? Oder erst bei Vergil (268)? Es ist schwer
zu sagen, denn beide Bewußtseinszustände, der mythische und der
rationale gehen nebeneinander her. (Vom "Carpe diem" des Kohelet
über das des Horaz und Goethes verweilenden Augenblick bis zu
den "moments of vision" des modernen Romans reicht die mythische
Weltbewältigung mit ihrer Fiktion der ewigen Gegenwart)
Für das Mittelalter wird Vergil zum Maßstab
der Dichtung. Beispielhaft werden an seinen Werken die genera
dicendi (die Lehre von den drei Stilen) als Grundlage der Poetik
behandelt. Jean de Garlande entwickelt in seiner Poetria
das rota Virgilii. Über die rhetorisch poetologische Behandlung
wird der Mythus zum Typus, zum Muster, zum Schema, das immer
wieder neu aufgegriffen und gefüllt werden kann. So von Gide in
L’immoraliste. Strukturgleichheit verschmilzt nicht nur
heidnischen mit christlichem Mythus im Mittelalter, sondern
ermöglicht auch die Grenzüberschreitung zwischen den Künsten:
Sowohl am Phädrastoff als auch am prophetisch-dionysischen
Rauscherlebnis mittels der Musik ließe sich Prousts
Mythenbearbeitung als Mittelalterrezeption (oder umgekehrt)
darstellen.
Schließlich sind mythische Strukturen auch
Bedeutungsträger der Alltagswelt. Im Sinne von Barthes "La
nouvelle Citroën" in Mythologies entlarvt der Frankfurter
Schriftsteller Martin Mosebach das Auto als mythische Figur:
Mythos der Marke. (In: Die ZEIT, Nr. 11 vom 8.3.01) Mit der
Deutung gesellschaftlicher Phänomene über den Mythos befinden
wir uns aber im Bereich der Soziologie mit der Problematik der
Ausweitung der Vergleichenden Literaturwissenschaft zur
"Kulturwissenschaft".
An allgemeine Vorüberlegungen zum Mythos
geknüpft möchte ich drei konkrete Werkanalysen anbieten:
-Garlandes rota Virgilii als Strukturprinzip
von Gides Immoraliste.
- Prousts Behandlung des Phädrastoffes in
seiner mittelalterlichen Verschmelzung aus klassischem und
christlichem Mythos und/oder christlich-heidnisches
Rauscherlebnis in Prousts Musikbeschreibungen.
- Das Automobil als mythologische Figur. |
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Dagmar Burkhart, Mannheim
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dagmar.burkhart@t-online.de
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Thema |
Der Mythos der Wiederkehr in Anton
P.Tschechows Erzählung ‘Nevesta’ (Die Braut) vor dem Hintergrund
der Arbeit am Persephone/Proserpina-Mythos in deutschen
literarischen Texten
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Exposé |
Anton Tschechow (1860-1904) gilt zu Recht als
einer der Wegbereiter der russischen Moderne. Seine Arbeit am
Mythos vollzieht sich in einem Assoziationsrahmen, innerhalb
dessen das Instrument der mythopoetischen Allusion listig, aber
- bei aller Diskretion und Verhüllung - punktgenau eingesetzt
wird. Ähnlich wie er schon in seiner Erzählung Duschetschka
(Seelchen) den Amor-und Psyche-Mythos verarbeitet hat, spielt er
in seinem letzten Prosawerk Newesta (Die Braut) von 1903 auf den
Persephone-Demeter-Mythos an, um die mögliche (iterative oder
definitive?) Rückkehr der Protagonistin in ihr Mutter- bzw.
Unterwelt-Haus zu thematisieren. Dabei vollzieht sich die
Remythisierung im Text sowohl semantisch, indem Inhaltselemente
des Mythos referiert werden, als auch strukturell, indem die
Wiederkehr in Wiederholungs- und Kreisfiguren abgebildet wird.
Während jedoch Tschechow die Anspielung auf den Mythos der
Wiederkehr - der Mythopoetik der Moderne entsprechend - in der
semantischen Tiefenstruktur des Textes ansiedelt, wird der aus
der griechischen und römischen Antike überlieferte Prätext in
der deutschen Literatur des 19. bzw. ausgehenden 18.
Jahrhunderts in offenem Rekurs auf den Mythos verarbeitet:
Goethe betont in seinem empfindsamen Monodrama Proserpina den
Tochter-Aspekt des Mythentextes, Schiller dagegen hebt in seinem
Gedicht Die Klage der Ceres die Mutter-Dimension hervor. Heine
schließlich greift zu Mitteln der Burleske, wenn er den
Persephone-Mythos in seinem Zyklus Unterwelt gestaltet.
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Ulrich Broich, München
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Ulrichbroich@aol.com
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Thema |
Prometheus oder Satan? Zur Mythisierung
Napoleons in Deutschland und England
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Exposé |
Schon zu seinen Lebzeiten, erst recht aber
nach seinem Tod wurde Napoleon zu einer mythischen Gestalt
stilisiert . Seine Gegner machten ihn zu einem Höllensohn oder
Dämon, seine Bewunderer zu einer Lichtgestalt, wobei sein Bild
in den meisten Fällen ambivalent und schillernd ist. Über dieses
Thema gibt es bereits eine umfangreiche Literatur, u.a.
Blumenberg (1979) und Wülfing (1996) zum Napoleon-Bild in
Deutschland und Simon Bainbridge (1996) zum Napoleon-Bild in
England.
In meinem Vortrag möchte ich die synkretische
Verbindung des Napoleon-Mythos mit dem Prometheus- und
Satansmythos untersuchen, und zwar, was bisher noch kaum erfolgt
ist, vergleichend in Deutschland und England. Dabei ist die in
der Regel ambivalente Mythisierung Napoleons affin zur
Ambivalenz, die in dieser Zeit auch dem Prometheus- und
Satansmythos eingeschrieben ist. Vorausssichtlich werde ich mich
dabei weitgehend auf Goethe und Byron beschränken, die nicht nur
die Prometheisierung Napoleons gemeinsam haben, sondern auch die
Identifikation der eigenen Person mit Napoleon (Byron: I am the
Napoleon of rhyme, zu Goethe vgl. Blumenberg). Welche deutschen
und englischen Autoren ich eingehend behandeln werde, kann ich
aber erst entscheiden, wenn ich mich mit den einschlägigen
deutschen Autoren näher beschäftigt habe.
Zu diesem Thema bin ich gekommen durch eine
Untersuchung der Bewunderung englischer Schriftsteller wie G.B.
Shaw, Ezra Pound und Wyndham Lewis für Lenin UND Mussolini.
Dieser Aufsatz erschien letztes Jahr in der
GRM und ging dem beunruhigenden Phänomen nach, daß sich
Schriftsteller zwischen den Weltkriegen selbst in England von
der Demokratie abwandten und in großen Führergestalten - gleich
, ob es sich um Faschisten oder Sozialisten handelte - eine
Alternative zur Demokratie sahen. Der für nächstes Jahr geplante
Vortrag soll daher auch auf die Frage eingehen, ob es nicht
bereits zu Anfang des 19. Jahrhunderts in der Napoleon-Verehrung
ein ähnliches Phänomen gab.
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Werner Frick, Göttingen
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wfrick@gwdg.de |
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Thema |
Der
Rätsellöser und die (Post)Moderne: Ödipus-Konfigurationen in der
Dramatik des 20. Jahrhunderts |
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Exposé |
Seit seiner
ersten, kanonischen Gestaltung in den beiden Ödipus-Tragödien
des Sophokles hat der Mythos um den thebanischen Rätsel-löser
bedeutende Dramatiker der europäischen Litera-tur-geschichte zu
immer neuen Lösungen herausgefordert: Euripides und Seneca,
Dryden, Corneille und Voltaire, Schiller und Kleist haben das
Sujet auf je neue Weise variiert und ihm Versionen abgewonnen,
die den dramaturgischen Stand ihrer Epoche zu definieren halfen.
Daran hat sich auch im 20. Jahrhundert wenig geändert: in der
Dramatik der Moderne und der Postmoderne ist Ödipus omnipräsent.
Anhand ausgewählter dramatischer Transformationen des Mythos von
Hofmannsthal und Rudolf Pannwitz über Gide, Cocteau, Anouilh und
Eliot bis hin zu Alberto Moravia, Pier-Paolo Pasolini, Heiner
Müller, Hermann Nitsch, Hélène Cixous, Steven Berkoff sollen
markante Stationen dieses ungebrochen produktiven Rezeptions-
und Aktualisierungs-prozesses nachgezeichnet werden. Ein
besonderes Augenmerk soll dem Dialog der modernen und
postmodernen Versionen mit ihren klassisch-klassizistischen
Vorgängertexten einerseits und mit den Ödipus-Exegesen
zeitgenössischer Theoriediskurse von der Psychoanalyse über den
Strukturalismus bis zur Religions- und Kulturanthro-po-lo-gie
gelten. |
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Reinhold Görling, Hannover
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reinhold.goerling@mbox.sdls.uni-hannover.de
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Thema |
Den Mythos gibt es nicht
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Exposé |
In der Ethnologie ist es längst anerkannt,
dass Mythen vor allem die Mythen der anderen sind - der anderen,
insofern sie uns sowohl kollektiv als auch in ihrem ureigensten
Denken als anders erscheinen. (Smith). Als Gattungsbegriff ist
der Mythos ebenso unbrauchbar wie zur Bestimmung einer
spezifischen Denkungsart oder einer bestimmten sprachlichen
Form. Das haben die Komparatisten unter den Kulturanthropologen
in den letzten Jahrzehnten hinlänglich belegt. Ihr Schluss mit
dem Mythos also (Vernant) sollte denn auch in der
literaturwissenschaftlichen Komparatistik allmählich
wahrgenommen werden. Sicher bleibt ein Rest, den man aber lieber
nicht mehr mit dem alten griechischen Gegenbegriff zum Logos
belegen sollte. Vielleicht macht es mehr Sinn, vom Mythischen zu
sprechen, womit das je spezifische kulturelle Spiel der
symbolischen Bezüge, bzw. das System bezeichnet wäre, das die
Verbindungen zwischen den verschiedenen und vor allem
verschiedenartigen Räumen des Lebens herstellt, bzw. das Formen
ihrer Ausschließung bereitstellt. Und solches gibt es in der
eigenen Kultur nicht minder als in einer fremden. Das betrifft
auch die einzelnen kulturellen Felder, die sich
ausdifferenzieren, einschließlich die der weichen und die der
exakten Wissenschaften sowie ihrer gegenseitigen Abgrenzung. Es
gibt keinen reinen Mythos, es sei denn den einer (exakten)
Wissenschaft, die sich von allem Mythos rein glaubt. (Serres)
Aus dieser Perspektive verschiebt sich auch
die Bedeutung des Zitats der blumenbergschen Wendung vom Arbeit
am Mythos. Mit der dem hier verwandten Mythosbegriff zugrunde
liegenden philosophischen Anthropologie müsste wohl der Begriff
der Arbeit ebenfalls kritisch befragt werden. Da er auf einer
bestimmten Konzeption - der euklidischen - von Raum basiert, ist
in ihm selbst ein Mythisches. Mannigfaltigkeiten können von ihm
ausgehend nicht organisiert werden, sie unterliegen einer
Ausschließung, zu der eben genau der Begriff des Mythos gehört.
Was umgedreht dazu führt, dass in Zeiten, in denen es zu einer
Krise des kulturellen Systems von Ein- und Ausschließungen
kommt, tatsächlich gern auf Stoffe zurückgegriffen wird, die als
Mythische gelten: das trifft möglicherweise schon für die
Renaissance zu, sicher (wenn auch nicht ungebrochen) für die
Romantik, aber doch auch nicht viel länger als bis zur
vorletzten Jahrhundertwende. Schon Joyce, wie die Anlage seines
Ulysses oder die seines Circe-Kapitels beweist, bezog
sich darauf allenfalls noch ironisch.
Das gilt in ähnlicher Weise auch für Freud.
Wenn er seine Trieblehre als sozusagen unsere Mythologie, die
Triebe selbst als mythische Wesen, großartig in ihrer
Unbestimmtheit bezeichnet, von denen der Psychoanalytiker keinen
Augenblick ... absehen und doch nie sicher sein kann, sie scharf
zu sehen, dann deshalb, weil es für Freud wohl eine Traumarbeit,
nicht aber eine Triebarbeit gibt. Triebe sind, wie wir heute
sagen würden, Mannigfaltigkeiten, die in ihrer komplexen
Prozessualität nicht der Arbeit (oder Produktion) sondern der
Potentialität als Modus und der Immanenz als Form unterliegen.
Aber läuft nicht jede Naturwissenschaft auf eine solche Art von
Mythologie hinaus? Geht es Ihnen heute in der Physik anders?
schrieb Freud denn auch, nachdem er sich u. a. mit der
Relativitätstheorie beschäftigt hatte.
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Herwig Gottwald, Salzburg |
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herwig.gottwald@sbg.ac.at
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Thema |
Mythos/Mythisches und moderne Literatur: eine
grundlegende Beziehung
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Exposé |
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Der Mythos webt sein Wissen über unseren
Köpfen fort - jedem gehört eine Herkunft aus Dunkelheit.
Irgendwo ist deine Sage schon, und schon beendet. Das
selbstbestimmte Individuum ist die frechste Lüge der Vernunft.
[...] Die Geschichte ist offen, der Mythos geschlossen. Man
sagt, er endet mit Göttersturz, mit Geschichtsbeginn. Er endete
aber nicht, er ging nur zu Bruch. Überall in der Noosphäre
treiben seine Trümmer auf verschiedenen Ringbahnen. Man muß die
Orbits wählen. Die Dinge sind zerkleinert, doch auf ihrer
Umlaufbahn kreisen sie in kleiner Ewigkeit.
Botho Strauß: Beginnlosigkeit
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Die unterschiedlichen und zum Großteil
gegensätzlichen Mythos-Begriffe der Einzelwissenschaften haben
in der in den letzten Jahren zunehmend unübersichtlicher
gewordenen Mythos-Forschung zu prinzipiellen Zweifeln an
einheitlichen Konzepten der Mythos-Deutung und der Erforschung
der Mythos-Rezeption und –Thematisierung in der europäischen
Kulturgeschichte seit der Aufklärung geführt. Kaum vereinbar
sind z.B. Konzeptionen, die den Mythos unter dem Aspekt seiner
Rationalitätsleistung betrachten (und dementsprechend als
Vorgeschichte abendländischer Philosophie und Wissenschaft
interpretieren, z.B. Emil Angehrn 1996), und solche, die in ihm
ein eigenständiges, von aufgeklärten Erkenntnismodellen
prinzipiell verschiedenes Weltdeutungssystem erkennen wollen
(z.B. Ernst Cassirers Theorie des mythischen Denkens von 1924).
Daß moderne, in vielfältiger Weise von der Aufklärung geprägte
Literatur sich dem Mythischen nicht mehr unbefangen, affirmativ
zu nähern in der Lage ist, wurde von der Forschung längst
erkannt. Warum entfalten archaische Mythen und mit diesen
verbundene Formen mythischen Denkens gerade in aufgeklärten,
entzauberten Zeitaltern eine immense Wirkung (die z.B. in der
deutschen Literatur bei nahezu allen bedeutenden Autoren seit
dem 18. Jh. festzustellen ist, wie Volker Riedel kürzlich
nachgewiesen hat)?
In meinem Referat soll es darum gehen, die
ineinander geschobenen gegenläufigen Tendenzen der Aufklärung
und Remythisierung, der rationalistischen Entzauberung bzw.
Entmythisierung, und der verstärkten Hinwendung zu Elementen
mythischen Denkens (z.B. mythische Zeitauffassung, mythische
Kausalitätsvorstellungen, mythische Namensgebung) anhand
beispielhafter Texte zu thematisieren (Peter Weiss, Peter
Handke, Botho Strauß) und nach Möglichkeiten einer
literaturtheoretischen Interpretation dieser Phänomene des
spannungsvollen Neben- und Ineinanders von aufklärerischen und
mythisierenden Kategorien in literarischen Texten zu fragen.
Literarische Ausprägungen der Bedeutsamkeit als Zentralqualität
des Mythos (Blumenberg) lassen sich in unterschiedlichen Texten
der Moderne nachweisen, von Kafka, Ernst Jünger, Walter Benjamin
oder Hans Henny Jahnn bis zur Gegenwartsliteratur. Handke etwa
bedient sich häufig implizit verschiedener Strukturelemente
mythischen Denkens wie der Epiphanie, die formal ihrem
archaischen Vorläufer nachgebildet ist, aber in moderner
Gebrochenheit und ästhetischer Distanz zitiert wird. Peter Weiss
zitiert in der Ästhetik des Widerstands den Herakles-Mythos,
ordnet ihn in die Gesamtkonzeption einer
marxistisch-materialistisch fundierten Gegengeschichte ein, fügt
also aufklärerische und remythisierende Elemente auf
spannungsvolle und nicht widerspruchsfreie Weise zusammen. Botho
Strauß’ Versuche, naturwissenschaftliche Theorien und
aufklärerische philosophische Konzepte mit neognostischen und
remythisierenden Elementen poetologisch und in den literarischen
Texten selbst zu verknüpfen, ist auf vergleichbare Weise
widerspruchsvoll und zugleich charakteristisch für jene
grundlegende Tendenz moderner Kultur, sich des Mythischen zu
bemächtigen, ohne gleichzeitig das Aufklärerische aufzugeben.
Daß die Beziehung zwischen Literatur und Mythos in der Moderne
prinzipiell nur im Modus des Als-ob erfolgen kann (Heinz
Schlaffer), soll anhand dieser Beispiel grundsätzlich
hinterfragt werden. Wie kann der Sitz im Leben der mythischen
Strukturelemente in der Literatur einer aufgeklärten
Zivilisation beschrieben werden? Kann die Literaturwissenschaft
aus den einschlägigen Theorien von Paul Veyne (Glaubten die
Griechen an ihre Mythen?) oder Leszek Kolakowski (Die
Gegenwärtigkeit des Mythos) diesbezüglich weiterführende
Erkenntnisse gewinnen? Können Ergebnisse anthropologischer (z.B.
Christopher Hallpike) oder kognitionspsychologischer (z.B. Jean
Piaget) Forschungen dabei herangezogen werden? Diese Fragen
sollen zumindest angesprochen werden.
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Andrea Heinz |
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Thema |
August
Wilhelm Schlegels Ion. Der Weimarer Theaterskandal des
Jahres 1802. Die Stellung zum antiken Mythos als Scheidepunkt
der literarischen Parteien |
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Exposé |
Am 2.
Januar 1802 ließ Goethe am Weimarer Hoftheater A. W. Schlegels
Drama Ion uraufführen. Er investierte außergewöhnlich
viel Zeit und Geld in diese Inszenierung und leitete persönlich
die Proben. Die Reaktionen des Publikums fielen extrem
unterschiedlich aus. Während Karoline Schlegel von der
"vollkommensten Vorstellung" spricht, berichtet Karoline Herder:
"Ein schamloseres, frecheres, sittenverderbenderes Stück ist
noch nicht gegeben." Der Theaterkritiker Böttiger verfaßte eine
kritische Rezension, die Goethe so erboste, daß er drohte, seine
Theaterleitung niederzulegen, falls die Rezension veröffentlicht
werden sollte. Die Rezension wurde nicht gedruckt, Goethe blieb
Theaterleiter, aber Weimar erlebte den größten Theaterskandal in
Goethes 26jähriger Amtszeit. Die Diskussion um Schlegels Ion
- das Stück und den Theaterskandal - wurde in Briefen,
Rezensionen und Abhandlungen intensiv und offensiv von allen
literarischen Parteien geführt. Der alte mythologische Stoff
barg eine enorme Zündkraft und löste nach dem Athenaeum einen
neuen Literaturstreit aus, bei dem aber diesmal nicht nur die
theoretischen Konzepte der Romantiker zur Diskussion standen,
sondern vor allem deren praktische Umsetzung. Schlegel, der sein
Drama als "Original" bezeichnete, meinte, es "besser als
Euripides" gemacht zu haben. Schelling lobte es als "absolutes
Werk nach allgemeinen poetischen und Kunstzwecken". Goethe nahm
die umstrittene Aufführung zum Anlaß eine Rechtfertigungsschrift
seiner Theaterleitung vorzulegen. Böttigers Rezension blieb zu
Goethes Lebzeiten ungedruckt, die Zensurmaßnahme Goethes wurde
heftig kritisiert. Wieland ließ sich zu keiner direkten,
öffentlichen Stellungnahme bewegen, er wählte statt dessen den
diplomatischen Weg einer Neuübersetzung des Ion von
Euripides und ermöglichte somit einen Vergleich für alle Leser.
Durch den immer wieder thematisierten Vergleich mit Euripides'
Gestaltung des Mythos lassen sich die verschiedenen Positionen
der Dichter deutlich herausarbeiten. Die Frage der Stellung des
antiken Mythos und der Möglichkeit einer modernen Aneignung
spaltete die Parteien. Im Vortrag sollen die Positionen der
Romantiker (A. W. Schlegel in Verbindung mit Schelling und
Karoline Schlegel), Goethes, des Altertumswissenschaftlers
Böttiger und Wielands gegenübergestellt werden, denn in der
unterschiedlichen Sicht auf die Antike spiegeln sich die
unterschiedlichen poetologischen und sittlichen Konzepte der
Autoren um 1800. |
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Carola Hilmes, Frankfurt am Main
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C.Hilmes@lingua.uni-frankfurt.de
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Thema |
Orpheus schweigt
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Exposé |
Orpheus, die Symbolfigur des Dichters, findet
erst spät ihren Weg auf die Bühne (Calderón: El divino Orfeo,
1663). Das diesem mythologischen Stoff angemessene Genre ist
zweifellos die Lyrik (Goethes Urworte Orphisch von 1820
und Rilkes Sonette an Orpheus von1923). Aber auch die
Oper nimmt sich dieses Themas an; die bekannteste Vertonung
stammt von W. Gluck (Orpheus und Euridike, 1762) und
wurde 1858 von J. Offenbach parodiert (Orphée aux enférs).
Unzählig sind die Orpheus-Gedichte zu Beginn des 20.
Jahrhunderts (vgl. Le mythe d’Orphée au XIXe et au
XXe siècle, RLC 4, 1999). Ich möchte in meinem
Vortrag, nach einer kurzen Exposition des Themas, das den
mythologischen Stoff als Arsenal der Weltliteratur präsentiert
und die Arbeit am Mythos (H. Blumenberg) als Variationen eines
Themas (P. Szondi) vorstellt, dramatische, bildliche und
filmische Bearbeitungen von Orpheus und Euridike untersuchen.
Bezogen auf die Dramen von Oskar Kokoschka (Orpheus und
Euridike, 1918), Marguerite Yourcenar (La nouvelle
Eurydice, 1932), Jean Anouilh (Eurydice, 1941) und
Tennessee Willliams (Orpheus descending, 1957) sollen
Abwandlungen, Verkehrungen und Verdrehungen der mythologischen
Vorlage, bis zur völligen Abkehr von ihr gezeigt werden. Mit dem
Verweis auf die Verfilmung des Themas durch Jean Cocteau 1949
(die dramatische Vorlage zu Orphée stammt von 1926)
möchte ich hinweisen auf eine weitere Verschiebung dieses
Stoffes in ein anderes, neues Medium. Variation und Verschiebung
erweisen sich für die Arbeit am Mythos als charakteristisch. Der
Medienwechsel zeugt dabei einerseits von der Wandlungsfähigkeit
und Aktualität mythologischer Figuren, andererseits
veranschaulichen die neueren Transformationen auch eine
einschneidende Veränderung: Orpheus schweigt. Der Sieg der
Poesie im Kino demonstriert mit der Macht der Bilder die
Ohnmacht der Sprache. Ikonographisch vorgebildet wurde das in
Gustave Moreaus Gemälde Orphée (Jeune fille thrace
portant la tête d’Orphée, 1866).
In meinem Vortrag geht es mir nicht nur um
die zunehmende Distanzierung und Ironisierung der mythologischen
Vorlage, sondern vor allem um die Differenzen von Text und Bild,
Bühne und Kino, wo es zu einer Wiederbelebung des mythologischen
Stoffes kommt, die neuerlich Bedeutsamkeit generiert. In dem
Maße, wie die Sprache an Verbindlichkeit verliert und Orpheus
die Macht seines Gesanges einbüßt, gewinnen die Bilder an
Überzeugungskraft.
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Marianne Kesting, Köln
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Thema |
Vom Schreiben des Mythos zum Mythos des
Schreibens. Komparatistische Konsequenzen aus Jenas Dichtern und
Theoretikern
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Exposé |
Jena mit Friedrich Schlegel und Novalis wurde
Ausgangsort der Forderung nach einer neuen Mythologie, die sich
zunächst als Bibelprojekt, dann als Enzyklopädie, schließlich
als Konstruktionslehre des schaffenden Geistes (Novalis)
abzeichnet, damit als sprachlich herstellbares, werdendes (Fr.
Schlegel), letztlich literarisches Projekt, das, da die
Gegenwart gestaltlos und dunkel war (Novalis) der Heraufführung
eines neuen goldenen Zeitalters, der Poetisierung der Welt
(Novalis) dienen sollte. Der Ausgangspunkt bei Fichte (das
Fichtesieren ins Unendliche treiben, Novalis) verweist auf die
Reflexion des Ichs und seines Schöpfertums; das Ziel wird
aufgeschoben ins Unendliche (Novalis), ist also ein ewig
werdendes Projekt (Fr. Schlegel), darum auf seine Mittel, das
Buch und die Literatur angewiesen, dessen Allegorisierung und
Weltmächtigkeit in Heinrich von Ofterdingen demonstriert wird.
Unter diesen Voraussetzungen stellt sich der neue Mythos als
eklektizistisch heraus, komponiert aus mannigfaltigen Mythen und
Religionsrelikten wie Novalis’ allegorische Märchen aus dem
Ofterdingen. Die Reflexion der ästhetischen Mittel bei Fr.
Schlegel und besonders Novalis indes erweist sich als zukünftig,
geradezu prophetisch in Richtung einer Totalisierung der
autoreflexiven Dichtung.
Die auf die Antike zurückweisende, bis ins
Mittelalter fortgeführte Vorstellung von den Analogien zwischen
Mikrokosmos und Makrokosmos, Ich und Universum, die Novalis noch
bei J. Böhme wiederfand, führte bei ihm, unter Einbeziehung der
Wissenschaften und der anderen Künste, zu einem Beziehungsspiel,
wenn nicht zu einem Analogiewahn, der allerdings einen sowohl
fragmentarischen wie endlosen Anregungsmodus besonders in bezug
auf die Künste hervorrief. Der problematische Transport dieser
Ideen nach Frankreich ist nur bei einzelnen Dichtern, nicht aber
bei St. Mallarmé nachweisbar, der sie am eklatantesten
fortführte. Er proklamierte, ebenso wie Novalis, die Beziehung
zwischen seinem Ich und dem Universum, betrieb die sich selbst
reflektierende Dichtung, projektierte in seinem nachgelassenen
fragmentarischen Livre ein universales Beziehungsspiel, das
zwischen einem opérateur und seinen invités in Gang gesetzt
werden sollte und kündete die Geburt eines Mythos (Hamlet)
zwischen Bühne und Saal (Publikum) an. Während er in seinen
autoreflexiven Versen ältere Mythen ins Spiel brachte (Hérodiade,
L’Après-Midi d’un Faune), übrigens auch eine Mythologie der
Griechen und Römer schrieb mit Seitenblick auf nordische,
persische und hinduistische Mythen, dachte er an neue, fiktional
erschaffene Mythen (Le chevalier et la dame aus Le Livre) die,
wie Kafkas Mythen (Das Schweigen der Sirenen, Prometheus, Das
Stadtwappen, Poseidon) wenn wir H. Blumenberg glauben wollen,
den Mythos zuende brachten.
Mallarmés Meisterschüler ist Paul Valéry in
seiner auf den Geist (intellect) zentrierten Nachfolge und
seinem enzyklopädischen Anspruch seiner
denkerisch-poetologischen Methode. (Leonardo-Essay, Cahiers).
Sein Gedicht Cimetière marin, Reflexion der Produktionsgenese in
ihrem mehrschichtigen zeitlichen Verlauf (Gegenwartswahrnehmung,
Erinnerungen, Stillstand der Zeit und Prozess der Fiktion)
greift zurück auf Zenons Paradox über Achill und die Schildkröte
als Mythos der Zeit. Für den Roman (Orion aveugle als 1. Fassung
von Les corps conducteurs) wiederum setzte Claude Simon die
Zenon-Verse Paul Valérys als Motto und nahm zugleich N. Poussins
Orion-Gemälde (Metropolitan-Museum New York) zum
schriftstellerischen Meditationsobjekt, das zeigt, wie der Riese
Orion mit großen Schritten der Morgenröte entgegeneilt, aber,
als Gemälde, auf der Stelle bleibt. Auch hier geht es in vielen
Motiven und ihrer Verflechtung um die Zeitenwahrnehmung des
Produktionsprozesses und die Mythenheraufführung der Literatur
für die Literatur, die sich im Roman unendlich vervielfältigt.
Nach Th. Mann erwächst der Literatur, wenn der Mythos verblaßt,
die Tiefenschicht durch die kulturelle Tradition. Eine Chance
der Komparatistik?
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Sabine Kleine-Roßbach, Saarbrücken
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sabinekleine@gmx.de
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Thema |
Lust am Köpfen – Die Decapitationsmythen von
Judith und Salomé (in Literatur und Malerei)
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Exposé |
Der Mythos der Schönen, die einem Mann den
Kopf abschlägt, wird erstaunlicherweise von der Bibel doppelt
überliefert – als Judith im Alten Testament, als Salomé im Neuen
Testament. Das apokryphe Buch Judith erzählt die
Geschichte der Witwe Judith, die ihre Stadt von der Belagerung
durch den Feldherrn Holofernes befreit. Unter dem Vorwand, ihm
die Juden verraten zu wollen, besucht sie Holofernes und
bestrickt ihn; nach dem abendlichen Festmahl schlägt sie ihm auf
dem Bettlager den Kopf ab und überbringt ihn ihrem Volk. Die
Evangelien nach Markus und Matthäus berichten von der Tochter
der Herodias (die später Salomé heißt). Ihr Stiefvater Herodes
hatte Johannes den Täufer wegen dessen öffentlicher Angriffe auf
seine Ehe mit der Herodias gefangengesetzt; letztere hatte sich
von ihrem ersten Mann, Herodes´ Bruder, getrennt, um des Herodes
Ehefrau zu werden. Bei einem Gastmahl ließ die Herodias ihre
Tochter vor Herodes tanzen. Als der entzückte Herodes seiner
Stieftochter versprach, ihr jeden Wunsch zu erfüllen, was sie
auch fordere, verlangte sie auf Geheiß ihrer Mutter das Haupt
des Johannes auf einer Schüssel, und Herodes mußte ihre Bitte
erfüllen.
Kennt die Bibel also zwei Decapitationsmythen
(einen jüdischen und einen frühchristlichen), so will mein
Beitrag einen Vergleich der beiden Mythen unternehmen, indem er
die Text- und Bildgeschichte von Judith und Salomé aufrollt. An
ihnen fällt auf, daß der Mythos der Judith literarische
Bedeutung eigentlich nur in Friedrich Hebbels Dramatisierung
(1840) gewann, in der Judith in Leidenschaft zu Holofernes
entbrennt; als er sie vergewaltigt, enthauptet sie ihn. Nicht
als Retterin ihres Volkes, allein als Rächerin der eigenen
Schande macht also Judith eine kurze literarische Karriere.
Anders in der Malerei: denn hier war Judith (die Schöne, die den
Kopf des Holofernes abschneidet) eines der großen Sujets bei
Cranach, Gentileschi, Baldung Grien, Caravaggio, Botticelli,
Goya, Klimt u.a. Völlig verschieden verläuft die literatur- und
kunstgeschichtliche Karriere der Salomé. War es den Evangelisten
in ihren Berichten allein um das Martyrium des Johannes zu tun
(die Tochter der Herodias trägt keinen Namen), so spielt Salomé
bis ins 19. Jh. hinein keine nennenswerte Rolle in Literatur
oder Malerei. Heine gab dem Stoff (in Atta Troll, 1847)
eine neue Wendung – Herodias begehrte Johannes´ Kopf, weil sie
ihn liebte, und bei Mallarmé wurde Herodias/Salomé zur frigiden
Priesterin, die sich nach der Tötung des Geliebten dem Mond
vermählt (Hérodiade, 1864). Zur eiskalten Schönen, die
nach dem Kopf des begehrten Mannes verlangt, der sie
verschmähte, hat die Decadence Salomé stilisiert – Huysmans (À
rebours, 1884) und Wilde (Salomé, 1891/92), Moreau
(1876) und Beardsley (1893). Hier entlarvt sich der
Decapitations- als Kastrationsmythos – und erscheint Salomé als
die Frau, die die Männer auffrißt, die sie liebte (die Decadence
nannte sie ‹femme fatale›, die Surrealisten Gottesanbeterin).
So ähnlich sich Judith und Salomé sind, so
verschieden verlief ihre literatur- und kunstgeschichtliche
Karriere. Künstlerisches Interesse erweckten sie allein als
Ikonen von Grausamkeit, Rache und einer Liebe, die den Tod
bringt. Den Gründen möchte ich in meinem Beitrag nachgehen.
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Gertrud Lehnert, Berlin
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Kontakt |
glehnert@zedat.fu-berlin.de
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Thema |
Sigmund
Freud und der Mythos der Psychoanalyse |
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Exposé |
Lyotards
postmoderner These vom Verlust der Meistererzählungen im 20.
Jahrhundert kann im Hinblick auf die Psychoanalyse widersprochen
werden, kann diese doch als der große Mythos des 20.
Jahrhunderts gelten. Sie ist jedoch ein "grand récit" à rebours
insofern, als sie das Allgemeine durch das Partikulare erklärt,
ja das Partikulare zum Gesetz des Allgemeinen erklärt. Sie
treibt die Aufklärung zum äußersten, bis sie in den Glauben
kippt. Julia Kristeva vertritt die These, daß in unserer Epoche
der Kultus durch die Sprache ersetzt worden sei, durch ein
System, das der wissenschaftlichen Analyse zugänglich sei. Ich
lese Sigmund Freuds Texte vor diesem Hintergrund als
mythenverarbeitende und mythenschaffende Texte, die sich eminent
literarischer Verfahrensweisen bedienen, sich (dennoch) als
Wissenschaft verstehen und zugleich die wissenschaftliche
Analyse herausfordern. Sie sind geradezu ein Musterbeispiel für
das kreative Vermögen der Sprache, neue Sachverhalte zu
schaffen; in ihnen werden Sprache, Mythos, Kunst und
Wissenschaft auf charakteristisch moderne Weise enggeführt. In
meinem Vortrag stelle ich nicht die großen kulturkritischen
Arbeiten ins Zentrum, die sich bei diesem Thema anbieten würden
("Der Mann Moses und die monotheistischen Religionen", "Totem
und Tabu"), sondern die frühere "Traumdeutung" (1900), die ich
in der Tradition der Autobiographie lese. Der (Selbst-)Erkenntnisprozeß
wird zum Strukturprinzip der Erzählung, der für die frühe
Psychoanalyse charakteristische Weg vom Selbstbekenntnis zum
(vermeintlich objektiven) wissenschaftlichen Text, von der
individuellen Erfahrung zum allgemeingültigen Gesetz, ist
narrativ vergleichsweise transparent. Der Text enthält in nuce
alle späteren Themen Freuds; sie organisieren sich um das
geheime Zentrum des Ödipus-Mythos, der hier erstmals seine
zentrale Rolle spielt. |
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Uwe Lindemann, Bochum
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Kontakt |
Uwe.Lindemann@ruhr-uni-bochum.de |
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Thema |
Prometheus, Pygmalion und die Gentechnik: Zur
Aktualität antiker Mythen in Literatur und Film der neunziger
Jahre des 20. Jahrhunderts
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Exposé |
Die Auslöschung der Menschheit steht kurz
bevor. Nein, nicht durch eine gewaltige, alle Menschen
vertilgende Apokalypse,wie sie von frühesten Zeiten an im
Ragnarök der Germanen oder im himmlischen Jerusalem der Bibel
imaginiert wurde und bis ins 20. Jahrhundert in Atomkriegs- und
Klimakatastrophen-szenarien präsent ist. Nein, die letzte
Version des Untergangs der Menschheit sieht anders aus. Der
Mensch verschwindet nicht, weil Götter, die Natur, Außerirdische
oder eine entfesselte, unbeherrschbar gewordene Technik das Ende
der Welt herbeiführen. Der Mensch verschwindet viel leiser und
unauffälliger. Er verschwindet gewissermaßen in sich selbst,
indem er sich als reines androgynes Spiegelbild seiner selbst
neu erschafft. Besser angepaßt als je, friedliebender als je
soll dieser neue Mensch für eine Form von Gesellschaft sorgen,
in der die alten Kämpfe, die ihn von frühester Zeit an in
zahlreiche private und öffentliche Konflikte verwickelten, ein
für allemal beendet werden. Dieses Zukunftsszenario entwirft
Michel Houellebecqs Roman Les particules élémentaires (1998).
Houellebecqs Roman reiht sich damit in eine Anzahl von Texten
und Filmen ein, die seit Anfang der neunziger Jahre an die
Stelle der ‚klassischen‘, promethetisch konnotierten
Technikutopien bzw. -verteufelungen neue, biologisch inspirierte
Mythologeme treten lassen: zum einen das des Hermaphroditen
sowie zum anderen das des schon in der Antike vielfach auch und
gerade im mythologischen Kontext beschriebenen Fabelmenschen,
einer
Verschmelzung von humanoiden, tierischen, ja
selbst pflanzlichen Merkmalen, wie es etwa Jeff Noon in seinem
Roman Pollen (1995) schildert. Houellebecq und Noon reflektieren
in ihren Romanen eine Entwicklung, die eng mit dem Aufstieg der
Biologie zur Leitwissenschaft Ende des 20. Jahrhunderts
verknüpft ist und in den letzten Jahren zu einer zunehmenden
Verdrängung der alten, spätestens seit der Aufklärung dominanten
physikalischen Weltmodelle geführt hat. Im Zuge dieser neuen
biotechnologischen Zukunftsszenarien kommt es in letzter
Konsequenz zu einer Umkehrung des alten prometheischen Projekts:
Nicht mehr ein Gott bzw. Halbgott erschafft die Menschen, die
sich, weil biologisch defizitär (Stichwort: Sterblichkeit,
Krankheiten usw.), technisch vervollkommnen müssen, sondern die
Menschen erschaffen ihnen überlegene, in der gentechnischen
Retorte erzeugte und daher biologisch perfekte ‚Götter‘, die den
alten Menschen dann aussterben lassen. Der Vortrag wird erstens
zentrale theoretische Positionen bzw. Visionen zur Gentechnik
aus dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts (Vilém Flusser,
Peter Sloterdijk u.a.) referieren, zweitens ausgewählte Texte (s.o.)
und Filme wie Gattaca (1997) und Alien IV (1997) vorstellen, in
denen die ‚neue‘ biologisch inspirierte Mythologie skizziert
wird, um in einem dritten Schritt die (bisweilen
sozialdarwinistisch argumentierende) Ideologie dieser ‚neuen‘
Mythologie zu dekonstruieren.
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Sabine Mainberger |
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Kontakt |
Mainberger@hotmail.com
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Thema |
Genealogien in moderner Literatur
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Exposé |
Dem Verhältnis von Mythos und Moderne möchte
ich mich nicht über das Neu- und Weitererzählen eines bestimmten
Mythos oder der Variation einer mythischen Gestalt nähern,
sondern über die Genealogie als mythische Form und ihre
Transformation in modernen Texten. In einer ‚dünnen
Beschreibung’ des Phänomens sind Genealogien Aufzählungen von
Namen, verbunden untereinander durch flektierte Verben des
Zeugens, Hervorbringens, Abstammens. Als Verbindung von Liste
und Erzählen sind sie zwischen mündlicher und schriftlicher
Kultur angesiedelt; sie haben ihre eminente Bedeutung in oralen
Kulturen und solchen mit geringer schriftlicher Überlieferung.
Hier sind das Wissen um die jeweiligen Ursprünge und die
Lückenlosigkeit der Abstammungslinie entscheidend, die dem
einzelnen, sei es Individuum, Stadt o.a. seinen Platz im Ganzen
anweist. Sie gehören zu Gesellschaften, die aus aristokratischen
Gemeinschaften bestehen; hier muß, etwa im Streit
rivalisierender Clans, v. a. die Beziehung zu den etablierten
Geschlechtern dargetan werden. Genealogische Dichtungen
schreiben legendäre Geschichte. Sie schließen die Lücke zwischen
der Gegenwart und der Tiefe der mythischen Vergangenheit, indem
sie die Entstehung des Menschengeschlechts zu ihren Ursprüngen,
d.h. zu den Göttern, zurückverfolgen; jede Genealogie eines
Königs, eines Helden etc. mündet in diese. Von Geschichte und
Geschichtsschreibung trennt sie des weiteren ihr Verhältnis zur
Zeit, dh. sie gestalten Zeit auf andere Weise als chronologische
Erzählungen, und nicht zuletzt ihr Zweck, die Verbindung mit der
Gegenwart herzustellen; sie formulieren durch die Erinnerung an
die Ahnen und die Herkunft Status, Geltung, Rechtsansprüche
usw.; Herrschaft wird durch Genealogien legitimiert.
Dementsprechend werden derartige Darstellungen gemäß den
aktuellen politischen Kräften und nach Bedürfnissen der
jeweiligen Gegenwart geformt. All diese Faktoren - mediale
Kultur, gesellschaftlich-politische Struktur, die Begriffe von
Zeit, Vergangenheit, Erinnerung usw. – machen sie modernem
Leben, Denken und Schreiben zutiefst fremd. Ihre Alterität
manifestiert sich nicht zuletzt im Ästhetischen: Für moderne
Leser sind genealogische Texte nicht nur im historischen Sinn
unwahr, ihre Lektüre ist mühsam und primär in höchstem Maße
langweilig. Genealogie im modernen Sinn ist uns am ehesten in
der Bedeutung nah, die sie bei Nietzsche hat: als Organ der
Kritik. Die Leistung dieser Genealogie liegt gerade in
Entmythisierung und Delegitimierung von Machtansprüchen und in
der radikalen Historisierung von Begriffen und Praktiken.
Dennoch spielen genealogische Fragen und Formen in moderner
Literatur eine Rolle: Es gibt den ernsthaften Rekurs auf sie
etwa in ‚jungen’ Literaturen und/oder der Literatur
unterdrückter Ethnien, die als Medium der Identitätssuche in der
postkolonialen Welt fungieren; es gibt die Versuche moderner
Literaten oder Bewegungen, sich, ihrem Werk und/oder ihrer
Richtung einen Stammbaum zu geben; es gibt Parodien und kreative
Transformationen. Mein Beitrag wird einigen Beispielen in
Romanen des 20. Jahrhunderts nachgehen.
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Stefan Matuschek |
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Kontakt |
x6mase@nds.rz.uni-jena.de
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Thema |
Mythos-Begriff und vergleichende
Literaturanalyse
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Exposé |
Der Beitrag will der methodologischen
Intention der Tagung folgen und nach dem Zusammenhang von
Mythos-Begriff und spezifisch literarischen Kategorien
(Gattungsbegriffen, rhetorischen, stilistischen Begriffen ...)
fragen. Wechselseitig soll es dabei sowohl um die Perspektive
gehen, wie das Mythos-Verständnis von den literarischen Formen
und deren historischem Wandel abhängt, als auch umgekehrt darum,
wie die Literaturgeschichte mythischer Stoffe immer nur in
Rücksicht auf den implizit sich wandelnden Mythos-Begriff zu
verstehen ist. Der Beitrag versucht einen systematisch
orientierten Aufriß mit einer Reihe von Beispielen.
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Markus May, Erlangen
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Kontakt |
Mmay@phil.uni-erlangen.de
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Thema |
Von Blumenberg zu Bloom: Intertextualität als
quasimythologische Struktur
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Exposé |
Die Erforschung der intertextuellen
Bezugnahme auf klassische Mythen in den modernen Literaturen ist
traditionell ein zentrales Arbeitsgebiet der Komparatistik. Der
Schwerpunkt lag dabei zumeist auf der Untersuchung von
inhaltlichen, thematisch-motivischen Aspekten solcher Phänomene.
Demgegenüber wird in diesem Beitrag ausgehend von der
Blumenbergschen Bestimmung des Mythos die Frage diskutiert,
inwieweit Formen der intertextuellen Bezugnahme selbst
Strukturen ausdifferenzieren, die in ihrer Funktionalität Züge
eines quasimythologischen Systems tragen. Hierbei soll ein
besonderer Akzent auf die Untersuchung der Relevanz solcher
Verweissysteme für die Legitimations- und
Begründungszusammenhänge im Modernisierungsprozeß literarischer
Ästhetik seit der Romantik (Stichwort Neue Mythologie) gelegt
werden. Wie der Mythos, der als Form der Kontingenzbewältigung
im Übergang zum Logos einen erkenntnistheoretischen Prozeß
instigiert und gleichzeitig auf dessen unhinterfragbaren
Ursprünge verweist, werden auch in den strukturbildenden Formen
intertextueller Referenz Möglichkeiten zur Kohärenzbildung und
Sinngebung in einer zunehmend säkularen Welt angeboten, welche
jedoch - so man sie zu akzeptieren gewillt ist - auf ein
apriorisches Jenseits des Textes deuten. Damit wird ein
Deutungsrahmen für intertextuelle Phänomene eröffnet, deren
grundsätzliche Ambiguität sich ebenfalls in der von Blumenberg
für den Mythos geprägten Formel von Terror und Spiel fassen
läßt. |
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Maria Moss, Berlin
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Kontakt |
Lemke.Moss@t-online.de
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Thema |
Höhlenaus- und Eingänge:
Wirklichkeitsbewältigung in der zeitgenössischen Literatur
Nordamerikas |
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Exposé |
Amerikanische und kanadische Romane der
letzten zwei Jahrzehnte schwören zunehmend der Dissonanz und
Heterogenität des postmodernen Diskurses ab und verknüpfen
stattdessen in einer eigenartig anmutenden Konstellation
»Alltäglichkeit« mit dem für das Alltägliche ungewöhnliche
Element des »Geheimnisvollen«. Das aus dieser Konstellation
resultierende Spannungsverhältnis wird anhand eines
anthropologischen Weltbewältigungsmusters entschlüsselt, welches
aus der Mythostheorie Hans Blumenbergs entwickelt ist.
Blumenberg hat in Arbeit am Mythos und in
Höhlenausgänge ein anthropologisches Muster der
Weltbewältigung entworfen, worin er die scheinbar aussichtslose
Situation archaischen Ausgeliefertseins sowie die Möglichkeit
zur Distanzierung vom Schrecken unter zwei antithetische
Kategorien stellt: »Terror« und »Poesie«. Von der Passivität
dämonischer Gebanntheit" zur spielerisch-imaginativen
Ausschweifung anthropomorpher Aneignung der Welt" beschreibt
Blumenberg einen Prozeß, der die anfänglichen Schrecknisse des
Übermächtigen depotenziert und im »Herunterspielen« der
Sanktionen und Zwänge schließlich das Poetische selbst oder
wenigstens die Disposition dazu" hervorbringt.
Blumenberg, Grenzgänger zwischen den
Disziplinen, Schriftsteller und Philosoph, hat vor allem in
seinen gegen Horkheimers und Adornos »Kampf (mit) dem Mythos«
gerichteten Antithesen – der »Arbeit des Mythos« und der »Arbeit
am Mythos« – explizit funktionale, bis in die Gegenwart
beständige Weltbewältigungsmuster entworfen. Während die »Arbeit
des Mythos« eine anthropologische Form der Weltbewältigung
bezeichnet; bezeichnet die »Arbeit am Mythos« die literarische
Rezeption des Mythos, die ebenfalls zur Überwindung der Angst
vor einer als übermächtig empfundenen Wirklichkeit beiträgt.
Diese kontinuierliche Rezeption erleichtert den Versuch (führt
jedoch auch zu der Versuchung), den Mythos ans Ende zu bringen,
die äußerste Verformung zu wagen, die die genuine Figur gerade
noch oder fast nicht mehr erkennen läßt. Für die Theorie der
Rezeption wäre dies die Fiktion eines letzten Mythos, eines
solchen also, der die Form ausschöpft und erschöpft" (AM 295).
In der postmodernen Literatur, die sich
hauptsächlich in sprachlich-rhetorischen Verformungen und
ironischen Verweisen auf einzelne Versatzstücke des Mythos
bezieht, hat genau diese Fiktion eines letzten Mythos, der die
Form ausschöpft und erschöpft" stattgefunden. So zeugt die
Reaktion postmoderner Autoren, die auf den »Absolutismus der
Wirklichkeit« vornehmlich mit Parodie, Ironie und
halluzinatorisch-paranoiden Weltentwürfen antworten, nicht nur
von der Annahme einer literarischen und kulturellen used-upness"
ganzheitlicher Weltentwürfe, sondern auch von der Annahme, daß
»Weltbeschreibung« nur in der bewußten Verneinung jeglicher
Realitätsreferenz stattfinden kann. Wenn Blumenberg jedoch am
Ende von Arbeit am Mythos als letzten, bewußt
schnörkellosen und direkten Satz den Einwand wagt: Wie aber,
wenn doch noch etwas zu sagen wäre?" (AM 689), unterstreicht er
die Notwendigkeit einer Revitalisierung des anthropologischen
Weltbewältigungsmusters, der »Arbeit des Mythos«, eines Musters,
welches die mythische Form nicht erschöpft, sondern – im
Gegenteil – erneut anreichert. Die Bemühungen der Postmoderne,
durch ästhetische Kraftakte des Zuendebringens" (AM 685) –
welche noch auf die Vertrautheit mit dem mythischen Bestand
bauen, ohne ihm jedoch Gültigkeit beizumessen – den Mythos als
narratives Stilmittel endgültig zu verabschieden, weichen in der
zeitgenössischen Literatur den ästhetischen Versuchen, den
Mythos als Mittel ritueller Weltbewältigung erneut zu verankern.
Die von Blumenberg verwendeten Begriffe des »status
naturalis« oder »Absolutismus der Wirklichkeit« als Zustand, in
der der Mensch die Bedingungen seiner Existenz nicht in der Hand
hat, werden als Ausgangssituation des mythischen Musters auch in
der zeitgenössischen Literatur angenommen. Hinsichtlich des
Blumenbergschen Weltbewältigungsmusters beruhen die
Romananalysen also auf zwei Prämissen: erstens, daß das Numinose,
welches unvermittelt in die alltägliche Lebensordnung einbricht,
die Protagonisten in die von Blumenberg angenommene archaische
Ausgangssituation (der unbestimmbaren Bedrohung aus einem
unvertraut offenen Horizont) versetzt; und zweitens, daß die
distanzierenden Maßnahmen des mythischen Musters
Realitätsbewältigung ermöglichen und die Protagonisten in die
Höhle" zurückversetzen. Ob dieser Schauplatz eines Urgeschehens"
in den Romanen letztendlich in seiner Bedeutung als Stätte der
Zuflucht oder als Verlies fungiert, hängt einzig von den
Protagonisten ab. Gelingt es ihnen, durch die angebotenen
Distanzierungsmaßnahmen dem Schrecken zu entkommen und in
spielerisch-imaginativer Weise ihr Leben zu bewältigen, ist das
mythische Muster im Sinne Blumenbergs vollendet.
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Jürgen Söring, Neuchâtel
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Kontakt |
Jurgen.Soring@unine.ch
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Thema |
Dichtung ohne Mythos?
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Exposé |
Die Verknüpfung von Dichtung und Mythos ist
so selbstverständlich, dass sie keiner besonderen Rückfrage zu
bedürfen scheint. Demgegenüber möchte mein Vortrag eine kleine
Bilanz erstellen nach dem Motto Gewinn und Verlust wäget ein
sinniges Haupt (Hölderlin StA 2,90,4). Meine 'Hypotheks-Hypothese'
soll dabei buchhalterisch unter drei Aspekten entfaltet werden:
1) Mythos als Stoff, 2) Mythos als Paradigma sowie 3)
Mythos als formale Synthesis. Die
illustrativen Beispiele liefern das klassisch-antike Dichten und
Denken, Theologie, Mythenforschung und Tiefenpsychologie sowie
Schlüsseltexte der deutschen Literatur (insbesondere Heine), und
zwar mit dem - präsumptiven - Ergebnis, dass sich der im
gewählten Titel artikulierte leise Vorbehalt womöglich in sein
Gegenteil verkehrt. |
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Regine Rosenthal |
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Kontakt |
regjul@gis.net
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Thema |
Identity, Difference, and Exile:
Demythologizing the Figure of the Wandering Jew
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Exposé |
The figure of the Wandering Jew has
fascinated folklore and literature ever since the Middle Ages.
Originating from an extrabiblical antisemitic legend, the
Wandering Jew or Ahasuerus has long served in Western thought
and literature as a paradigm of the cultural Other. In the
Romantic period, writers depicted him as an often positive, if
ambivalent figure, ranging from Romantic villain to mythologized
hero of Weltschmerz and rebel against an unjust God. In the 20th
century, Nazism greatly added to the figure’s negative
construction, while also emphasizing its significance as a
paradigm of Jewish persecution and wandering.
The proposed paper suggests a theoretical and
critical framework within which to explore and demythologize the
Wandering Jew in the context of 20th century
comparative literature and culture. Based on the work of
poststructuralist/ postcolonial theory on cultural difference
and the ambivalence of stereotype, the paper suggests that this
legendary/mythical figure, originally conceived as as
anti-Jewish stereotype, also contains, from the perspective of
the Jewish Other, an image of self. In fact, the Wandering Jew
inhabits an interstitial cultural space that pertains to the
discourse of both Self and Other. To substantiate this claim,
the paper will reexamine the figure of the Wandering Jew from
the perspective of the Jewish minority culture. It will explore
the figure’s intersection with current concepts of cultural
identity, the conflicting Jewish interpretive history of
diaspora and wandering, and the impact of negative stereotyping
on the Jewish image of self in the wake of
enlightenment-inspired assimilation. |
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Frauke Tomczak |
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Kontakt |
Fax 0211 – 315577
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Thema |
Die literarische Verarbeitung des Mythos in
der Moderne
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Exposé |
Der Rückgriff auf den Mythos in der
klassischen Moderne ist augenfällig. Welche Gründe können dafür
namhaft gemacht werden? Die Metaphysiklosigkeit der Moderne,
ihre Abkappung aller transzendenten Bezüge, ihre von Georg
Lukacs so genannte "transzendentale Odachlosigkeit", ist
vielfach als eine zentrale Ursache, ja als das Signum der
ästhetischen Moderne überhaupt bezeichnet worden. In welchem
Verhältnis steht die "transzendentale Obachlosigkeit" zu einem
zweiten wichtigen Signum der Epoche, ihrer gesteigerten
Kontingenz? Und welche Position nimmt der Rückgriff auf den
Mythos in diesem Spannungsverhältnis ein? Ist es tatsächlich
allein das formale Kriterium, der Mythos baue, in archaischer
Vorzeit wie in der hochkomplexen Moderne, Kontingenz ab, das
seine vehemente Renaissance begründet? Oder gibt es
Anhaltspunkte für die ebenfalls naheliegende Vermutung, daß
gerade auf Grund der überaus einschneidenden technischen
Veränderungen der Lebenswelt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ein
Bedürfnis nach der dem Mythos selbst immanenten
"Kreisschlüssigkeit" (Hans Blumenberg) besteht? Sollte der
Rückgriff auf den Mythos tatsächlich ein spezifisch ästhetisches
Phänomen der Moderne sein, dann wäre auch das
begründungsbedürftig. Am interessantesten aber erscheint in
diesem gesamten dynamischen Feld aufgestauter Ladungen und
möglicher Entladungen die Frage: Wie sieht der Rückgriff aus -
anders gefragt: w i e wird der Mythos verarbeitet? Bezogen auf
Literatur muß die Frage lauten: Haben wir es mit einer
Wiederkehr "mythischen Erzählens" zu tun oder ist der Mythos,
resp. das jeweils zugrunde gelegte Mythem ein narratives
Strukturelement? Hinter dieser scheinbar "narrativ-technischen"
Frage verbirgt sich die Summe der Geschichtsphilosophie in der
Moderne, resp die Summe der Geschichtsphilosophie der Moderne.
Wird der Mythos erzähltechnisch so
eingesetzt, dass er die mit den Kontingenzen moderner
Lebenswirklichkeit ebenfalls gesteigerten Kontingenzen des
"möglichen Erzählbaren" abbaut, hätten wir es schlicht mit einem
formalen narrativen Strukturelement zu tun. In dem Spannungsfeld
"Terror und Spiel" (Blumenberg) liegt dann der Akzent deutlich
auf einem spielerischen und zugleich distanzmarkierenden Umgang,
der sich durch Ironie, Variation, Kontrafaktur oder
andereStilmittel der Brechung kennzeichnet. Springt aber vom
Mythos oder dem zugrunde gelegten Mythem der Funke über zu einem
tendenziell "mythischen Erzählen", müssten alle Signallampen
geschichtsphilosophischen Denkens aufleuchten. Denn eine nicht
nur narrative sondern ernstgemeinte Präsenz des Mythischen
inmitten moderner Realitäten stellt das deklarierte
Selbstverständnis der Moderne ebenso wie ihre Selbstdefinition
in der Tradition der Aufklärung grundlegend in Frage. Für die
Konnotationen dessen, was "Modernität" eigentlich ausmacht, wäre
dieses Ergebnis dennoch hoch aufschlussreich. Die Ausführungen
werden exemplarisch an den beiden berühmten Großstadtromanen der
klassischen Moderne veranschaulicht: an Alfred Döblins "Berlin
Alexanderplatz" und James Joyces "Ulysses". |
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Thomas Wägenbaur, Tübingen
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Kontakt |
Thomas.waegenbaur@I-u.de
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Thema |
Der Mythos vom Mythos
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Exposé |
Arbeit am Mythos ist häufig auch Arbeit über
den Mythos, wobei gerade z.B. Kafka's Versionen des Prometheus
zeigen, wie Metareflexion in Protoproduktion kippen kann: der
Mythos kann genau dort wieder ursprünglich werden, wo er sich am
weitesten von seinem Ursprung entfernt zu haben scheint. Dies am
Text zu zeigen, heißt der Mythologie der Mythologie nachzugehen,
ein Thema, das dann von der deutschen Frühromantik über die
Dialektik der Aufklärung bis zu Derridas Weißer Mythologie als
den einschlägig bekannten Stationen nachgezeichnet werden soll,
um dann zu aktuellen Fragestellungen zu kommen, die in der
zeitgenössischen Literatur noch erst wenig aufgenommen worden
sind: Was wird aus der Mythologie in Zeiten der
Kognitionswissenschaften, in denen Erkenntnis nicht mehr
dualistisch im Streit zwischen Körper und Geist, sondern
monistisch als eine mögliche Körperfunktion aufgefaßt wird, die
sich immer besser auf Computer transferieren und dort gar noch
optimieren lassen soll. Gerade das Verhältnis von Leib und Seele
oder Körper und Geist zeigt, wie virulent eine
metareflektorische Fassung des Mythos, also die Mythologie der
Mythologie heute ist: Kognitionswissenschaft wird sich dort
selbst zur Mythologie, wo sie Geist meint auf Körper reduzieren
zu können. Aufklärung läge darin, die Unterscheidung neu zu
begründen – und sei es in der Terminologie von soft- und
hardware – und auf die aktuelleste Fassung der Mythologie der
Mythologie im Cyberpunk (William Gibson et al.) hinzuweisen, die
der gängigen Kognitionswissenschaft immerhin das Bewußtsein vom
Mythischen des Mythos voraus hat.
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Frank Zipfel, Mainz |
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Kontakt |
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Thema |
Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Mythos
und Libretto am Beispiel Hofmannsthals
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Exposé |
Machen wir mythologische Opern, es ist die
wahrste aller Formen. Mit diesem Satz beschließt Hofmannsthal
seinen Essay über Die Ägyptische Helena. In diesem als
fiktives Gespräch zwischen Komponist und Librettist inszenierten
Beitext zur Oper wird der Zusammenhang zwischen musikalischen
Strukturen, Kunstmitteln des lyrischen Dramas, mythologischen
Stoffen und Darstellung der Gegenwart erläutert. Eine Vorliebe
für die Mythologie ist dann auch in der gesamten Zusammenarbeit
von Hofmannsthal und Strauss zu erkennen: von den explizit
mythologischen Stoffen in Elektra, Aridane auf Naxos,
Die Ägyptische Helena und im Entwurf zu Danae oder die
Vernunftheirat, bis zum mythologie-ähnliche Märchen-Stoff in
Die Frau ohne Schatten). Das ist insofern wenig
erstaunlich, als allgemein behauptet wird, dass mythologische
Stoffe sich besonders gut zur Verarbeitung in Opernlibretti
eignen: der Oppositionsstruktur mythologischer Erzählungen wird
eine besondere Affinität zu statischen Kontrast-Struktur der
Oper unterstellt.
Aus diesen Gegebenheiten lassen sich zwei für
die Arbeit am Mythos interessante Fragestellungen ableiten. Zum
einen wäre in systematischer Perspektive zu fragen, ob und wie
sich das Hoffmansthal-Straussche Werk in die allgemeine These
der Affinität zwischen Oper und Mythos einfügt. Dabei stellen
Hofmannsthals Libretti für die Analyse der allgemeine Strukturen
von Opernlibretti ein besonders fruchtbares Textkorpus dar, weil
sie durch zahlreiche theoretische und praktische Anmerkungen in
den Paratexten (poetologische Texte, Briefwechsel
Hofmannsthal-Strauss) flankiert sind, und weil Hofmannsthals
Verarbeitungen seiner Opernstoffe in anderen literarischen
Gattungen interessante Vergleichstexte an die Hand geben. Zum
anderen wäre in historischer Perspektive zu überlegen, welche
konkrete Bedeutung den mythologische Elementen für die von
Hofmannsthal und Strauss beabsichtigte Darstellung ihrer
Gegenwart zugeordnet werden kann.
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